Die „Schwammstadt“ ist für Wetterkapriolen gewappnet

Extreme Hitzeperioden mit einhergehender Trockenheit erzeugen speziell in Städten unerträgliche Hitzeinseln. Zusätzlich überlasten punktuell auftretende Starkregenfälle die städtischen Kanalsysteme und sorgen für kleinräumige Überflutungen. Durch das sogenannte Schwammstadt-Prinzip soll Abhilfe geschaffen werden.

Das Schwammstadt-Prinzip

Wir müssen lernen, mit den Folgen des Klimawandels zu leben und uns entsprechend darauf vorbereiten. In Städten wird mehr und mehr auf funktionsfähige Bäume gesetzt, die in Zukunft eine wesentliche klimatische Ausgleichsfunktion übernehmen sollen. Denn Bäume tragen aktiv zur Kühlung bei, indem sie Wasser aus dem Boden aufnehmen und nach oben verdunsten. Im Gegensatz zu Asphalt, Stein oder Blech von Autos wird die Blattoberfläche nie heißer als die Lufttemperatur.

Hierbei ist die entsprechende Größe des Blätterdachs Voraussetzung, um Schatten zu spenden und eine Kühlung durch Verdunstung zu erzielen.

Allerdings geraten auch Bäume durch Hitze und Trockenheit verstärkt unter Druck.

Wenn der Standort den Anforderungen nicht entspricht, werden Gesundheit, Lebensfähigkeit und -erwartung der Bäume eingeschränkt. Die Lebenserwartung vieler Straßenbäume liegt bei nur 20 Jahren. Sie sterben, bevor sie ihre Funktion (Verdunstungsleistung, ausreichendes Kronendach für Beschattung und Staubfilter etc.) erfüllen können.

Weil im hochverdichteten Unterbau unserer modernen Straßen kein Porenraum für Wurzeln vorhanden ist, stehen die Bäume in den Baumscheiben wie in Blumentöpfen. Wurzeln werden oft wie Pipelines entlang von Versorgungsleitungen geschoben und sind immer wieder für Schäden an Leitungen verantwortlich. Genauso sind diese Wurzeln bei Aufgrabungen besonders gefährdet, oft hängt die Versorgung des Baums an wenigen dieser Wurzeln. 

Notwendig: Ausreichender Wurzelraum und Baumsubstrat

Bei der Baumbepflanzung sind neben geeigneten Zukunftsbaumarten ein ausreichender Wurzelraum für die Wasser- und Nährstoffversorgung sowie ein stabiles und durchwurzelbares Baumsubstrat notwendig.

Ein Baum benötigt pro 1m² seiner Kronenprojektionsfläche ca. 0,75m³ an durchwurzelbarem Raum. Eine Kubatur, die in einer konventionellen Baumscheibe nicht angeboten werden kann.

Die Idee ist es daher, einen Untergrund zu schaffen, der von Baumwurzeln erschlossen werden kann und der gleichzeitig einen tragfähigen Unterbau für Straßen und Gehwege bildet. Solch ein innovatives, bereits in ersten Freilandversuchen eingesetztes System für den Unterbau von Verkehrsflächen wird von unserer Dienststelle HBLFA für Gartenbau Schönbrunn gemeinsam mit dem Bundesamt für Wasserwirtschaft in Petzenkirchen entwickelt: Das „Schwammstadt“-Prinzip für Straßenbäume.

In skandinavischen Ländern werden städtische Verkehrsflächen bereits seit Jahren als „Schwamm“ angelegt. Der Klimawandel bringt dieses Prinzip nun auch nach Österreich.

Das Material, das Bäume leichter mit Wetterkapriolen umgehen lässt, ist natürlich kein Schwamm. Es besteht aus grobem Splitt, der bis zu 30 Prozent speicherfähige Hohlräume aufweist. Feinkörniges Material, welches Wasser langfristig pflanzenverfügbar speichert, wird im einem weiteren Arbeitsgang verdichtungsfrei eingeschlämmt. Diese Schicht wird unter befestigten Oberflächen von Straßen und Gehwegen großflächig eingebaut. Die Bäume können diese Schicht mit ihren Wurzeln durchdringen, und Regenwasser kann über die Baumscheibe oder Kanaleinläufe direkt in die Splittschicht eingeleitet werden. Die Bäume haben ausreichenden Wurzelraum und sind nicht auf Leitungstrassen angewiesen, ihnen steht Wasser in ausreichender Menge und für eine längere Dauer zur Verfügung. Als wichtiger Nebeneffekt werden Starkregenereignisse lokal retendiert.

Forschungsprojekte

Seit mehr als 20 Jahren arbeiten die HBLFA für Gartenbau Schönbrunn und das Bundesamt für Wasserwirtschaft in Petzenkirchen auf dem Gebiet der Baumsubstrate bereits zusammen und können auf ein umfangreiches Know-how zurückgreifen. An der Außenstelle „Jägerhausgasse“ der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau Schönbrunn wird seit vielen Jahren das sogenannte „Wiener Baumsubstrat“ entwickelt und in Lysimetern getestet. Zurzeit läuft in Zusammenarbeit mit dem Stadtgartenamt Wien und der Wiener Umweltschutzabteilung ein Forschungsprojekt, welches das Schwammstadtsystem noch weiter verbessern soll. Dabei werden Parameter wie Tragfähigkeit, Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit sowie Durchwurzelbarkeit des Substrats und Verdunstungsleistung der Bäume untersucht.

Veröffentlicht am 14.11.2019, Forschung, Entwicklung und Unternehmensservice (Abteilung Präs. 8)