Südburgenländische Weidegans

Anser anser f. domestica (L.)

Registernummer: 27

Offenlegungsdatum

Jahrhundertalte Tradition der Gänsehaltung im Burgenland.

Titel

Südburgenländische Weidegans
Anser anser f. domestica (L.)

Kurzdarstellung oder Behauptung

Wiederaufnahme der jahrhundertealten Tradition der Freilandgänsehaltung auf Weiden in einer natürlichen, stressfreien und tiergerechten Art im Südburgenland.
Das Weidegänsefleisch ist äußerst geschmackvoll und zeichnet sich durch einen geringen Fettgehalt, Feinfasrigkeit des Fleisches, dunkle Fleischfarbe sowie durch ein gutes Safthaltevermögen aus.
Weidegänsehaltung leistet einen wesentlichen Betrag zur Erhaltung der burgenländischen Kulturlandschaft. Wiesenflächen, die bis dato kaum bewirtschaftet wurden, werden so einer extensiven Nutzung und Pflege zugeführt.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Gänsefleisch, Fleischprodukte

Name der Region

Südburgenland (Bezirke Oberwart, Güssing und Jennersdorf)

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

IG Burgenländische Weidegans

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

IG Burgenländische Weidegans
Bauern aus der Region

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Schon Griechen, Römer und Germanen hielten Hausgänse wegen ihres Fleischs und ihrer Federn als Haustiere.

Das Burgenland wird oft aufgrund des Landespatrons, des Heiligen Martin (316/317 bis 397), mit der Gänsehaltung in Verbindung gebracht. Die Legende besagt, dass der Mönch Martin nicht Bischof werden wollte und sich daher in einem mit Gänsen gefüllten Stall versteckte. Das Schnattern der Gänse verriet sein Versteck den Leuten, die ihn suchten. Der Tag des Heiligen Martin am 11. November wird traditionell mit einem Gänseessen gefeiert.

Bereits im Mittelalter waren die Landgänse, Nachkommen der Graugänse auf den Bauernhöfen Mitteleuropas, eine beliebte und vielerorts gehaltene Geflügelart.

Im Gebiet des Burgenlands war die größte Gänseweide der ehemaligen Donaumonarchie. Gänse genossen hohes Ansehen und konnten eine ganze Familie mit Braten, Leber, Suppe, Grammeln und Schmalz versorgen. Gänseschmalz begeistert noch heute als Brotaufstrich.

Der Seewinkel und die angrenzenden Gebiete Westungarns galten seit jeher als Land der Gänse und Enten. Im 18. Jahrhundert belieferten vor allem das Nord- und Mittelburgenland (damals Deutsch-Westungarn) die Stadt Wien mit Gänsen. Damals fuhren sogenannte „Hühnerkramer“ mit ihren Käfigwagen durch die Vorstädte Wiens und boten Hühner, Gänse und Truthähne zum Verkauf an.

Gänse wurden damals auf vielen alten Landgütern gemeinsam mit Karpfen gezüchtet, weil sich Gänsemist ideal als Karpfenfutter eignet.

Gänse wurden aber nicht nur zum Verzehr gehalten, sondern auch zur Gewinnung von Federn. Der Brauch des Federschleißens, d.h. der Trennung der Federanteile vom Kiel mit der Hand, war eine gemeinsame Aktivität von Gänsehaltern und ihren Nachbarn, die in den kleinen Orten noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Sie hat zum gesellschaftlichen Zusammenhalt der Dorfbevölkerung beigetragen und auch zur Bewahrung traditioneller Volkslieder, die beim Federschleißen gesungen wurden.
Trotz der jahrhundertealten Tradition der Gänsehaltung im Burgenland sind Gänse in den 1960er Jahren fast gänzlich aus den burgenländischen Dörfern verschwunden. Nur wenige Höfe hielten damals noch Gänse und vermarkteten diese direkt Ab-Hof.

1992 startete das Projekt „Österreichische Weidegans“ und seit damals wächst die Produktion von Weidegänsen wieder kontinuierlich an.

Im Jahr 2002 begann eine Gruppe innovativer Bauern im Südburgenland wieder mit der Freilandhaltung von Gänsen.

2006 wurde die Bezeichnung „Weidegans“ als Wortbildmarke registriert.

Gebiet/ Region:

Das Südburgendland (Bezirke Oberwart, Güssing and Jennersdorf) ist eine ausgedehnte, hügelige Region im Südosten von Österreich auf 229 bis 315 m Seehöhe. Es wird im Osten von Ungarn, im Süden von Slowenien und im Westen von der Steiermark begrenzt. Das Südburgenland wird von der Raab, der Pinka und der Lafnitz durchflossen.

Die Region ist geologisches Grenzland zwischen den Ostalpen, den Karpaten und dem Pannonischen Becken. Die Lage am Übergang von der Zentralzone der Ostalpen zum Westungarischen Tiefland, vom atlantisch beeinflussten Klimabereich zum pannonischen Steppenraum, sind die bestimmten Geofaktoren für dieses Gebiet.

Lebensraum:
Schwerpunkte für die Haltung der Weidegänse liegen in den Orten Rax-Bergen, Stiwoll, Güssing, Neudauberg, Unterschützen, Altenmarkt, Jabing, Hagensdorf, Eisenberg an der Pinka, Ollersdorf, Wiesfleck und am Kalvarienberg nahe Pinkafeld.
Zusätzlich zum Südburgenland findet man Weidegänse auch in Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg und Kärnten.

Klima:
Im Südburgenland herrscht illyrisches Klima, das milder und weniger heiß ist als im restlichen Bundesland. Charakteristisch sind hohe Niederschlagsmengen (720 bis 950 mm/Jahr), eine hohe Anzahl an Sonnenstunden (etwa 2000/Jahr) und ausgeglichene Temperaturen. Die Jahresmitteltemperatur liegt bei ca. 8,5 °C.

Flora:
Diese klimatischen Bedingungen im illyrischen Bereich führen zu zahlreichen Weideflächen.

Gänse allgemein:

Gänse (Anserinae) zählen zur Familie der Entenvögel und können grob in Wild- und Hausgänse unterteilt werden.

Die Urform unserer Hausgangs ist die Wildgans, auch Graugans genannt. Durch das hohe Gewicht und die verkümmerten Flügel und Federn ist das Flugvermögen bei den meisten Hausgänsen verloren gegangen.

Das Gefieder der Hausgans ist weiß. Männchen und Weibchen lassen sich anhand äußerer Merkmale nicht unterscheiden. Ungefähr im Juli beginnen sich die Gänse zu mausern: Das heißt, sie bekommen nach und nach ein neues Federkleid.

Gänse sind mit 10 bis 12 Monaten geschlechtsreif und können pro Jahr 50 bis 60 Eier legen.

Die Gans ist das einzige Geflügel, das Weidegras richtig verdauen kann. Dadurch sind Gänse für Grünlandgebiete hervorragend geeignet.
Die Gänsehaltung wird nicht nur als Instrument für zusätzliches bäuerliches Einkommen, sondern auch als Instrument der Landschaftshaltung gesehen.
Wiesenflächen, die bis dato kaum bewirtschaftet wurden, werden so einer extensiven Nutzung und Pflege zugeführt.

Südburgenländische Weidegans:

Erzeugungsverfahren:
Pro Jahr produzieren 15 bis 20 Betriebe etwa 3.000 Gänse. Vier dieser Betriebe wirtschaften auf biologische Weise und stellen jährlich ca. 850 Gänse bereit.
Die Landwirte kaufen gemeinschaftlich die Küken ein. Die Gänseküken kommen aus einer Brüterei in Grafendorf bei Hartberg. Diese wiederum bezieht die Bruteier aus dem einzigen Elterntierbetrieb in Oberösterreich.

Haltung:
Bei der Weidegänsehaltung handelt es sich um eine artgerechte, naturnahe und extensive Haltungsform. Die Besatzdichte ist mit 80 bis 100 Gänsen pro Hektar limitiert.
Viel Bewegung, gesundes Futter und schonende Mästung bewirken einen geringen Fettanteil und feinfasriges Fleisch.

Die Tiere werden im Mai eingestellt und werden nach einer behutsamen Aufzucht in einem warmen, mit Stroh eingestreuten Stall schon im Alter von 2 bis 3 Wochen auf den grünen Wiesen und Weiden gefüttert. Nach 8 Wochen sind die Tiere voll befiedert und widerstandsfähig gegen schlechtes Wetter. Sie sind nun tagsüber auf der Weide und in der Nacht im Stall, zum Schutz vor Raubtieren.

Fütterung:
Gänse sind natürliche Grasfresser und genießen daher das gute Gras in den Streuobstanlagen der Region. Wenn nötig, wird das Grasfutter ergänzt mit lokal gewachsenem Getreide. Während der Weidemast (ab der 8. Lebenswoche) soll die Menge an zusätzlichem Getreide zur Weidehaltung nicht mehr als 10 bis 15 dag / Tier und Tag betragen.

Es darf ausschließlich hofeigenes bzw. österreichisches Getreide zugefüttert werden. Bevorzugte Zusatzfuttermittel für Weidegänse sind Hafer, Gerste, Triticale oder Roggen. Die Zufütterung von Press- bzw. Verarbeitungsrückständen, wie Ölkuchen, Kartoffelpülpe oder Biertreber ist nicht gestattet. Energiereiche Futtermittel, wie Mais und Weizen sollen vermieden werden, da diese zur Verfettung der Gänse führen.

Ausmast:
In der Endmast (ab Ende September) kann die tägliche Menge an Getreide auf 20 bis 25 dag erhöht werden. Die eingesetzte Menge hängt vom Entwicklungszustand der Tiere ab. In der Endmast darf der Anteil von Mais in der Mischung 25 % nicht überschreiten.
Präventivbehandlungen mit Medikamenten sind verboten. Behandlungen erfolgen ausschließlich aufgrund tierärztlicher Empfehlungen. Eine Behandlungsnotwendigkeit ist aber kaum gegeben. Vereinzelt werden Vitaminpräparate (Vitamin D) und Entwurmungsmittel verabreicht.
Bis November bleiben die Weidegänse tagsüber im Freien.

Schlachtung:
Die Gänse werden in der Zeit von Ende Oktober bis Weihnachten mit einem Schlachtgewicht von ca. 4 kg geschlachtet.

Die Schlachtung erfolgt in zwei gemeinschaftlichen Schlachtungsanlagen in den Orten Rax Bergen und Hagendsorf.

Während Gänse aus der Intensivmast in 13 Wochen tischfertig sind, müssen Weidegänse zumindest bis zu 26 Wochen aufgezogen werden. Dies garantiert allerhöchste Qualität des Fleisches.

Fleischbeschreibung:
Fleisch der Weidegänse ist dunkel, zartfaserig, fettarm und von ausgezeichnetem Geschmack.

Die Weidehaltung mit saftigen Gräsern bedingt eine langsame Mast, was ein sehr hohes Safthaltevermögen beim Braten bewirkt. Die Tiere weisen eine sehr dünne Fettschicht auf, welche beim Braten ständig Saft und Geschmack an die Fleischfasern abgibt. Weidegänsefleisch zeichnet sich auch durch einen besonders niedrigen Bratverlust aus. Von einer 4 kg schweren Weidegans bleiben nach dem Braten etwa 3,2 kg Festtagsbraten übrig, bei einer billigen Tiefkühlmastgans jedoch nur 2,4 kg Fleisch.

Vermarktung:

Die Südburgenländische Weidegans wird direkt und über die regionale Gastronomie vermarktet. Ein besonderes Angebot der heimischen Bauern ist „Rent a goose“. Feinschmecker konnten sich die Gans schon im Frühjahr auf der Weide aussuchen, die im November als Braten auf ihrem Tisch landen soll. Diese Angebot gibt es auch als „Rent a goose-Gastro“. Auf Wunsch wird die ausgewählte Gans im Herbst von einem der kooperierenden GastwirtInnen zubereitet.

Jedes Jahr wird Anfang Oktober mit einem „Weidegänse-Gala-Dinner die Weideganssaison eröffnet.

Die Südburgenländische Weidegans hat kurz vor dem Landesfeiertag Martini Saison.

Qualitätskontrolle:

Die Mindestanforderungen für die Haltung von Hausgeflügel sind im BGBl. II Nr. 485/2004 in der 1. Tierhaltungsverordnung Anlage 6 genau geregelt. Den heimischen Gänsen muss laut Bundestierschutzgesetz der Auslauf ins Freie gewährt werden. Eine reine Stallhaltung ist nicht erlaubt. Weiters ist eine Haltung auf Stroh im Stall erforderlich. Das Stopfen der Gänse zur Stopflebererzeugung ist gesetzlich verboten.

Die Gänse werden in naturnaher Weise auf Basis der Richtlinien der IG Burgenländische Weidegans gehalten. Die Einhaltung der Richtlinien wird intern und amtlich kontrolliert. Die Kontrollen werden vom Projektleiter, vom Betreuungstierarzt und vom Amtstierarzt durchgeführt. Die Kontrollen erfolgen nach dem Zufallsprinzip, wobei jeder Betrieb im Schnitt einmal pro Jahr kontrolliert wird.

In der Gemeinschaft „Österreichische Weidegans“ ist die Untersuchung auf Salmonellen Pflicht. Die Untersuchung wird durch die Betreuungstierärzte der Organisation „Österreichische Weidegans“ durchgeführt. In Ausnahmefällen können auch Nicht-Geflügeltierärzte die Untersuchung durchführen.

Zusammenhang mit dem geographischen Gebiet und Traditionellem Wissen:

  • Besondere Boden- und Klimaverhältnisse in der Region Südburgenland bedingen eine reichhaltige lokale Flora, die eine extensive Haltung von Gänsenauf Weiden ermöglicht.
  • Typische Haltungssysteme: Extensivhaltung der Gänse auf Weiden während der Vegetationszeit.
  • Ausgeprägte Bodenständigkeit: Ernährung der Gänse durch Weidegräser und lokal gewachsenem Getreide.
  • Dank dieser Weidehaltung kann Gänsefleisch mit charakteristischer Zusammensetzung erzeugt werden: Das Fleisch der Weidegänse ist geschmackvoller und saftiger als jenes konventionell gehaltener Gänse und zeichnet sich durch geringen Fettanteil, dunkle Farbe, Feinfasrigkeit und einem verbesserten Safthaltevermögen aus.
  • Die Haltung der Südburgenländischen Weidegans ist das Ergebnis Traditionellen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wird: Traditionelles Wissen und Erfahrung der Tierhaltung (Anpassung der Haltung der Herden an die Gegebenheiten der Umwelt, Gänsehaltung auf Weiden, Art der Weidegansfleischproduktion, Kunst des natürlichen Mästens), Know-how der Schlachter (Tiertransport, Erfahrung bei Schlachtung, Zerlegung, Fleischreifung) und die Erfahrung der Gemeinschaft „Österreichische Weidegans”.

Verwertung:

Die Weidegänse werden bratfertig (gerupft, ausgenommen, verpackt, gekühlt) abgeboten. Edelinnereien, wie Leber, Magen und Herz werden mitgeliefert.

Gänsefleisch wird in einer Vielzahl verschiedener traditioneller Gerichte am Tag des Heiligen Martin, den 11. November gegessen. Traditionell wird das Martinigansl mit Rotkraut und Erdäpfelknödel zubereitet.

Das wertvolle Nebenprodukt Daune wird zu Bettwaren weiterverarbeitet und verkauft.

Schutz:

Wortbildmarke „Weidegans“(Österreichisches Patentamt Register Nr. 230061, 16.2.2006). Markeninhaber ist der Landesverband landwirtschaftlicher Geflügelwirtschaft Oberösterreichs (LVG).

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Südburgenland, Burgenland, Oberwart, Güssing, Jennersdorf, Weidegans, Gans Anser anser f. domestica (L.)

Bibliographie/ Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 10. November 2008.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Ing. Christian Reicher
Landwirtschaftliches Bezirksreferat Güssing
7540 Güssing, Stremtalstraße 21a
Telefon: 03322/42610
Fax.: 03322/42610-22
E-mail: christian.reicher@lk-bgld.at

Autoren

Mag. Doris Reinthaler, Mag. Eva Sommer, Dr. Erhard Höbaus

Veröffentlicht am 27.09.2017, Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung (Abteilung II/8)