Lungauer Eachtling

Kultivierung von Pflanzgut und Speisekartoffeln nach überlieferter Tradition im Lungau, Salzburg.

Registernummer: 17

Offenlegungsdatum

Die erste schriftliche Erwähnung des Erdäpfels in der Region Lungau findet sich 1796 bei Lorenz Hübner.

Titel

Lungauer Eachtling

Kurzdarstellung oder Behauptung

Kultivierung von Pflanzgut und Speisekartoffeln nach überlieferter Tradition im Lungau, Salzburg.
Spezielle klimatische Bedingungen im Anbaugebiet, im inneralpinen Becken von ca. 1.000 m Seehöhe.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Kartoffel, Erdapfel, Gemüse

Name der Region

Lungau, Bezirk Tamsweg, Salzburg, Österreich

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

Kartoffelbauern im Lungau, Bezirk Tamsweg;
Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein mit 28 Mitgliedern

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Die Kartoffel entstammt dem Gebiet der Anden und wurde vermutlich vor etwa 7.000 Jahren zuerst in Peru kultiviert. 1536 brachte nach der Eroberung des Inkareiches der Eroberer Pizarro die Erdäpfel von Südamerika nach Spanien, von wo sie über ganz Europa verbreitet wurden.

Im heutigen Niederösterreich bauten Mönche des Klosters Seitenstetten (Mostviertel) Kartoffel vermutlich erstmals um 1620 in ihrem Klostergarten an.

Kaiserin Maria Theresia (1740 bis 1780) befahl den Erdäpfelanbau in der Waldviertler Ortschaft Pyrhabruck, Niederösterreich.

Durch die Hungersnot 1772/73 erhielt der Kartoffelanbau einen enormen Aufschwung.

Die verstärkte Akzeptanz von Erdäpfeln als Nahrungsmittel zeigte sich im Zuge des bayrischen Erbfolgekrieges zwischen Preußen und Österreich (1778 bis 1779), der auch als „Kartoffelkrieg“ bekannt ist, da verfeindete Truppen sich gegenseitig der Verpflegung beraubten, indem sie die Erdäpfel der Feinde ausgruben.

Seit Beginn des Kartoffelbaus gelten sie als wichtiger Bestandteil der Essenskultur und des täglichen Speiseplans.

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Eachtling (mundartlich für Kartoffel) im Lungau bekannt.

Eingeführt wurde der Eachtling in den Lungau vermutlich durch Ferdinand von Pichl und Pfarrherr Kröll von Mariapfarr.

Die erste schriftliche Erwähnung des Erdäpfels im Lungau findet sich 1796 beim Historiker Lorenz Hübner.

Auch der Schriftsteller und Topograph Ignaz von Kürsinger erwähnte 1853 den Kartoffelbau im Lungau.

Mitte des 19. Jahrhunderts zerstörte die Kraut- und Knollenfäule, verursacht durch Phytophthora infestans, einen Großteil des Erdäpfelanbaus. 1874 fraß sich der Kartoffelkäfer durch die europäischen Erdäpfelstauden. Diese zwei Katastrophen führten zur Züchtung widerstandsfähiger Sorten und zur Verbesserung von Pflegetechniken und Pflanzenschutz.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die bis dahin überwiegende Bohnenproduktion im Lungau durch den Kartoffelanbau abgelöst.

Es wird berichtet, dass die Bauernsöhne sich während ihres sechsjährigen Militärdienstes an die Kartoffel gewöhnt hatten und so die Vorurteile gegen den Erdäpfelanbau beendeten.

1949 wurde der „Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein“ gegründet, der die Produktion bzw. Vermarktung der Kartoffeln professionalisierte.

1952 wurde der Saatkartoffelkeller in Tamsweg eingeweiht.

1980 wurde ein moderner Kartoffelkeller in Zusammenarbeit mit dem „Lagerhaus Tamsweg“ erbaut. Dieser wird seit 1997 in Eigenregie des „Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein“ geführt.
Der „Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein“ betreut derzeit 28 Mitglieder (20 Bio-Betriebe, 8 konventionelle Betriebe) sowohl in fachlicher als auch administrativer Hinsicht.

Der hohe Aufwand beim Eachtlinganbau gemeinsam mit den schlechten Preisen haben dazu geführt, dass die Anbaufläche in der Region von 366 ha im Jahr 1959 auf 150 ha im Jahr 2000 gesunken ist.

Derzeit werden ca. 150 ha Erdäpfel von 400 Bauern angepflanzt, davon betreut der Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein ca. 40 ha. Rund 60 % der Anbauflächen werden nach biologischen Richtlinien bewirtschaftet.
Eachtlingproduktion des „Lungauer Saatzucht und Saatbauverein“ liegt bei ca. 1.000 t, davon 400 t Pflanzengut, 400 t Speiseware und 200 t Futterkartoffel.

Die gesamte Kartoffelproduktion im Lungau beläuft sich auf ca. 2.500 t.

Gebiet/Region:

Die Region Lungau ist deckungsgleich mit dem Bezirk Tamsweg im Südosten des Bundeslands Salzburg, Österreich.
Der Lungau in Salzburg ist ein inneralpines Becken in über 1.000 m Seehöhe, durch Gebirgszüge abgegrenzt, die das raue Klima und die Vegetation ganz entscheidend beeinflussen.
Er wird im Nordwesten von den Radstädter Tauern, im Nordosten von den Niederen Tauern und im Süden von den Nockbergen umgeben.

Klima und Bodenverhältnisse:

Die Region Lungau weist alpines Klima auf.
Die Winter sind streng, die Sommer zeichnen sich durch zahlreiche Sonnenstunden und große Unterschiede zwischen Tag- und Nachttemperaturen aus.
Die Sommer sind warm mit einer durchschnittlichen Tagestemperatur von ca. 15 °C und Maximalwerten von ca. 32 °C. In der Nacht sinken die Temperaturen oft deutlich unter 20 °C, manchmal bis auf etwa 1 °C.
Im Winter können Temperaturen bis -26 °C auftreten. Daher gilt die Region auch als „österreichischer Kältepol“.

Die Region ist durch die umgebenden Gebirge besonders windgeschützt und niederschlagsarm.

Die in der Region vorkommenden naturbelassenen, humushältigen, sandigen Böden (Urgesteins-Verwitterungsböden) eignen sich besonders gut für den Kartoffelanbau.

Optimale Klima- und Bodenverhältnisse machen den Lungau nicht nur zu einem Kartoffelgesundungsgebiet mit geringem Schädlingsdruck sondern auch zu einem der besten Kartoffelanbaugebiete Österreichs.

Die Anbauflächen des Lungauer Eachtlings befinden sich auf einer Seehöhe von über 1.000 m.

Lungauer Eachtling:

Die klimatischen Verhältnisse sowie die besondere Bodenbeschaffenheit in der Region bewirken im Zusammenspiel mit der Auswahl der Sorten, den Anbauverfahren, der Reife bei der Ernte und den Lagerungsbedingungen Kartoffel mit besonderer Qualität in Bezug auf Geschmack und Kocheigenschaften.

Der Geschmack der Erdäpfel wird durch die Klimabedingungen und die Kultivierung auf einer Seehöhe von rund 1000 m positiv beeinflusst.

Methode der Produktion

Pflanzgut

Lungauer Eachtlinge sind Knollen der mehrjährigen Pflanze Solanum tuberosum L. aus der Familie der Nachtschattengewächse.

Gegenwärtig werden folgende Erdäpfelsorten in der Region angebaut:
Evita, Ditta, Nicola, Husar, Jaerla, Ostara, Desiree, Laura, Asterix, Violetta.
Die Verwendung von gentechnisch verändertem Pflanzengut ist nicht erlaubt.

Neben der Produktion von Speisekartoffeln haben sich die Lungauer Kartoffelbauern auch auf die Erzeugung von erstklassigem Pflanzengut spezialisiert, das sich durch besondere Widerstandsfähigkeit und Triebkraft auszeichnet.

Zirka 40 % des Pflanzgutes stammen aus der Region Lungau selbst. Jene Sorten, welche lizenzpflichtig sind, werden von der „Saatbaugenossenschaft Niederösterreich (NÖS)“ zugekauft.

Düngung

Die Düngung der Flächen erfolgt überwiegend mit hofeigenem Festmist.
Geringer Einsatz von Mineralstoffdüngern bzw. synthetischen Pflanzenschutzmitteln und die günstigen Böden und klimatische Bedingungen erlauben beste Qualität.

Es sind die Düngevorgaben des Österreichischen Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL) einzuhalten. Die Düngegaben sind in der Ackerschlagkartei zu dokumentieren.

Auf 30 % der gesamten Anbaufläche verzichten die Landwirte auf den Einsatz von ertragssteigernden Betriebsmitteln (Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel).

Fruchtfolge

Nachdem im Lungau die Rinderhaltung einen sehr hohen Stellenwert hat, herrscht im Ackerbau die „Egartwirtschaft” (Fruchtfolgeform, gekennzeichnet durch Wechsel von Acker und Wiese) vor. Auf die Hackfrucht Kartoffel folgt Sommergerste, danach Sommergerste mit Untersaat und in weiterer Folge drei Jahre Wechselgrünland mit ca. 20 % Rotkleeanteil.

Anbau

Der Lungauer Eachtling wird Ende April bis ca. 10. Mai mechanisch angebaut.

Pflanzenschutzmaßnahmen

Der Großteil der Kartoffelbauern verwendet nur Kupfermittel zur Bekämpfung der Krautfäule (Phytophtora infestans). Die Krautabtötung zur Erzeugung der Pflanzkartoffel erfolgt mechanisch.

Für die Produktion von Lungauer Eachtling sind die Vorgaben des Österreichischen Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL) einzuhalten.

Bewässerung

Keine künstliche Bewässerung.

Ernte, Verlesung und Lagerung

Ernte, Verlesung und Lagerung von Lungauer Eachtling erfolgt ausschließlich innerhalb der Region Lungau. Damit wird eine Vermischung mit Erdäpfeln anderer Regionen vermieden und die Rückverfolgbarkeit der Ware gewährleistet.

Die Kartoffelernte erfolgt ab Ende August bis ca. Mitte Oktober. Kleine Kartoffelschläge (unter 20 Ar) werden händisch geerntet.

Auf Grund der alpinen Klimaverhältnisse und der Höhe der Anbauflächen auf über 1.000 m Seehöhe sind die Hektarerträge eher bescheiden, die Erdäpfel aber  besonders intensiv und gehaltvoll im Geschmack.
Die Hektarerträge schwanken je nach Sorte zwischen 18 bis 30 Tonnen.

Sortiert werden die Erdäpfel nach Durchmesser und Aussehen: Pflanzgut (> 5 cm Durchmesser), Speiseerdäpfel (< 5 cm) sowie Futterkartoffel (beschädigte Kartoffel). Eachtling zum Einkellern müssen gesund, unbeschädigt, trocken und sauber sein.
Die Lagerung in Holzkisten zu je 1.000 kg erfolgt in einem Zentrallager in Tamsweg. Die besten Lagerbedingungen sind eine Temperatur von ca. 4 °C und abgedunkelte Räume.

Die Lagerung der Kartoffel erfolgt großteils in Kartoffellager des „Lungauer Saatzucht- und Saatbauvereines“ mit einem Fassungsvermögen von ca. 900 t.

Ursprungsnachweis

Der Ursprung von Lungauer Eachtling muss vom Feld bis zum Einzelhandel rückverfolgbar sein.
Dazu führt jeder Landwirt verpflichtend Aufzeichnungen auf welchen Flächen welche Kartoffelsorten angebaut wurden und wann sie sortenspezifisch geerntet wurden.

Im Lebensmitteleinzelhandel ist die verpackte Ware mit Namen und Anschrift des landwirtschaftlichen Erzeugers, Sorte, Methode der Produktion (Bio oder konventionell), Menge, Lieferdatum, Kochtyp sowie Anschrift des Saatzuchtverband gekennzeichnet.
Im Handel sind die Kartoffeln damit für den Konsumenten eindeutig bis zum Produzenten in der Region rückverfolgbar.

Qualität

Lungauer Eachtling müssen im Lebensmitteleinzelhandel die Qualitätsklasse I gemäß der österreichischen Verordnung über Qualitätsklassen für Speisekartoffeln erfüllen.

Qualitätskontrollen

Die Mitglieder des „Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein“ produzieren Lungauer Eachtling gemäß den Bestimmungen der Integrierten Produktion im Rahmen des ÖPUL.

Lungauer Eachtling, die nach biologischen Richtlinien produziert werden, tragen das AMA Biosiegel. Jährlich erfolgt eine Kontrolle durch die Bio-Kontrollfirma „Salzburger Landwirtschaftliche Kontrolle (SLK)“.

Vermarktung:

Der „Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein“ vermarktet zwei Drittel der Speiseware über den Lebensmitteleinzelhandel bzw. die Salzburger Lagerhäuser. Der Rest wird von den Vereinsmitgliedern direkt vermarktet.
Speiseware wird in 5 kg, 10 kg und 25 kg Netzsäcke vermarktet.
Für den  Lebensmitteleinzelhandel werden die Erdäpfel in 1 kg bzw. 1,5 kg Papiersäcken abgepackt.
Das Pflanzgut wird zur Gänze dem Salzburger Raiffeisenverband verkauft.
Die Vermarktung von Erdäpfel aus Produktion von Nicht-Vereinsmitgliedern erfolgt ausschließlich über Direktvermarktung.

Zusammenhang mit dem geographischen Gebiet und Traditionellem Wissen

  • Spezielle naturbelassene, humushältige, sandige Böden und trockene alpine Klimaverhältnisse im Anbaugebiet ermöglichen den Anbau von Speise- und Saatguterdäpfeln von höchster Qualität in 1.000 m Seehöhe.
  • Dank der Kulturart und besonderen klimatischen Verhältnisse können Erdäpfel erzeugt werden, die sich durch extrem geringen Schädlingsdruck auszeichnen.
  • Die Erzeugung von Lungauer Eachtling ist das Ergebnis des Traditionellen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde: Traditionelles Wissen und Erfahrung der Erdäpfelbauern (Anpassung der Erziehungsform an die Gegebenheiten der Umwelt, Verbesserung des Erbguts, Althergebrachten Anbau und Erntemethoden) und der Erfahrung der Einzelverkäufer in der Vermarktung.

Verwertung:

Der Lungauer Eachtling wird zu traditionellen Speisen wie „Eachtlingsuppe“ und „Eachtling mit Eierschwammerlfülle“ verarbeitet.

Schutz:

Keine Angabe

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Salzburg, Region, Lungau, Bezirk Tamsweg, Gemüse, Eachtling, Kartoffel, Erdapfel, Lungauer Eachtling

Bibliographie/ Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 21. Juli 2008.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Lungauer Saatzucht- und Saatbauverein
Geschäftsführer DI Andreas Kaiser
Amtsgasse 4
5580 Tamsweg/ Salzburg
Telefon: 06474/7701-14
E-Mail: andreas.kaiser@lk-salzburg.at

Autoren

Mag. Eva Sommer, Dr. Erhard Höbaus

Veröffentlicht am 16.10.2017, Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung (Abteilung II/8)