Nordtiroler Gemüse

Traditioneller Anbau zahlreicher Gemüsesorten im Tiroler Inntal, Nordtirol.

Registernummer: 125

Offenlegungsdatum

Seit dem 12. Jahrhundert sind in Tirol Gärten nachweisbar, in denen man unter anderem Kraut für den Eigengebrauch anbaute.

Titel

Nordtiroler Gemüse

Kurzdarstellung oder Behauptung

Traditioneller Anbau zahlreicher Gemüsesorten im Tiroler Inntal, Nordtirol. Die günstigen Klima- und Bodenverhältnisse sowie sauberes Bergwasser bieten ideale Bedingungen für den Gemüseanbau in der Region.
Aufgrund des vorherrschenden Föhns kann das Gemüse vier bis sechs Wochen früher geerntet werden als in anderen Regionen.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Gemüse

Name der Region

Nordtirol, Tirol, Österreich

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

Landwirtschaftskammer Tirol

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

100 bäuerliche Familienbetriebe in Nordtirol

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Schon vor etwa 10.000 Jahren begannen die Menschen u.a. in den Steppenlandschaften des Nahen Ostens sowie in Mittel- und Südamerika bestimmte Pflanzen systematisch anzubauen. Bewusst oder unbewusst veränderte der Mensch Wildpflanzen so, dass sie für ihn nützlicher wurden.
Die heutige Küchenzwiebel war schon für die Ägypter ein wichtiges Nahrungsmittel, das in den Grabkammern auf Reliefs abgebildet ist.
Auch die Märkte der Antike waren reichlich mit gutem Gemüse versorgt.

Die in den jeweiligen Ursprungsländern entwickelten Kulturpflanzen verblieben nicht ausschließlich dort. Sie verbreiteten sich mit den Wanderungen und Entdeckungsreisen der Menschen und passten sich an die neuen Siedlungsgebiete an.

Die Ursprungsgebiete der wichtigsten „Tiroler Gemüsesorten“ (z.B. Erbse, Ackerbohne) liegen im Nahen Osten. Diese Pflanzen kamen schon um 1000 vor Christus gemeinsam mit den ersten Bauern in den Alpenraum.

Weiters wurden Kraut und Rüben, welche in den Mittelmeergebieten entstanden, in das Gebiet gebracht.
Um Christi Geburt dehnten die Römer ihr Reich auf Mitteleuropa aus und brachten traditionelle Kulturpflanzen des Mittelmeerraums, wie Zwiebel, Salat und verschiedene Gewürze nach Tirol.
Nachbau und Auslese der eigenen Ernte gehörten seit Jahrhunderten zum „Handwerk“ der Bevölkerung in den Tiroler Bergen.
Erste Gemüsegärten, die vor allem der Eigenversorgung dienten, sind seit dem 12. Jahrhundert in Tirol nachgewiesen.

In den Klostergärten des Mittelalters und in den Küchengärten des Barock wurden die Gemüsepflanzen weitergezüchtet und verfeinert.
Der Gemüsegarten wurde als „Garten der Gesundheit" bezeichnet. Zwischen Gemüsepflanzen und Heilpflanzen wurde nicht streng getrennt.

In den Tiroler Urbaren des 13. und 15. Jahrhunderts wurden Hülsenfrüchte wie Bohnen und seltener Linsen und Arbeis oder Erbsen und an Hackfrüchten wurden Rüben und Kraut genannt. Kraut wurde in eigenen „Kraut- und Kabesgärten" gezogen, anderes Gemüse in den „Wurzgärten" neben den Häusern. Die Landesordnung von 1532 zählte die Hülsenfrüchte zu den lebensnotwendigen Nahrungsmitteln.

Die aus Amerika stammenden Kulturpflanzen Mais und Kartoffel setzten sich erst im 18. und 19. Jahrhundert in der Tiroler Landwirtschaft durch. Es folgten Gartenbohne und Kürbisse.

Durch die Entstehung der Berufsgruppe der gewerblichen Gärtner ab dem 19. Jahrhundert wurde der Anbau weiter perfektioniert und trug so zur sicheren Nahversorgung bei.
Wärmeliebende Arten, wie Tomaten oder Paprika und exotische Arten, erlangten erst in den letzten Jahrzehnten (ab etwa 1950 bis 60) eine weite Verbreitung in Tirol.

Bereits im 19. Jahrhundert entstanden erste Saatgutfirmen, die Gemüse- und Getreidesämereien anboten und auch in Tirol Niederlassungen aufwiesen. Der Großteil der Tiroler Bevölkerung, besonders in abgelegenen Tälern, hatte dazu keinen Zugang und war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auf den eigenen Nachbau zur Selbstversorgung angewiesen.

Bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg (1950 bis 1970) war die Gewinnung von Saatgut auf den Bauernhöfen in Tirol üblich. Um einen sicheren Ertrag zu erhalten, wurden regional angepasste, bewährte traditionelle Kulturarten angebaut. Es musste so viel produziert werden, dass zusätzlich zur Sicherung der Ernährung auch Saatgut für den nächsten Anbau zurückbehalten werden konnte. Kulturpflanzen wurden kaum als Futter für die Nutztiere verwendet.
Für die Lagerung waren geeignete Räume, Gebäude und eigene Gerätschaften auf jedem Hof vorhanden. Neben der eigenen Saatgutgewinnung war auch das Tauschen oder Kaufen von Saatgut üblich.

Neben dem Anbau in der industrialisierten Landwirtschaft findet sich heute eine enorme Vielfalt an Gemüsearten in den Hausgärten und auf den Äckern bäuerlicher Kleinbetriebe.

Gebiet/Region:

Tirol gliedert sich in die voneinander geographisch getrennten Regionen Nordtirol und Osttirol.

Nordtirol ist der nördliche Teil Tirols und liegt auf 580 bis 830 m Seehöhe. Es wird hauptsächlich durch das Inntal mit seinen Nebentälern und seiner Gebirgsumrahmung gebildet und umfasst im Nordwesten noch das Außerfern und im Nordosten das Gebiet der Kitzbüheler Ache.

Als Hauptanbaugebiet des Nordtiroler Gemüses gilt das Inntal.
Das Inntal ist ein von Südwesten nach Nordosten die Ostalpen durchquerendes Tal, das vom Inn durchflossen wird und zwischen dem Alpenhauptkamm und dem Karwendelgebirge liegt.

Die meisten Anbauflächen liegen im Schwemmland des Inns, das sich besonders gut für den Anbau von Frühgemüse eignet. Die Tallagen rund um Innsbruck bieten ideale Voraussetzungen für den Anbau von Gemüse.

Etwa 100 bäuerliche Familienbetriebe aus den Dörfern Rum, Thaur, Absam, Ampass, Kematen und Ranggen nutzen das günstige Klima im mittleren Inntal zum Anbau von vielen verschiedenen Gemüsesorten.

Klima:

Das Inntal und seine größeren Nebentäler haben alpines Hochgebirgsklima, das durch geringere Niederschlagsmengen (im Windschatten der Nordalpen), durch wärmebringende Föhnwinde aus dem Süden und gelegentlich Inversionslagen im Winter, gekennzeichnet ist.
Eine ausgeprägte Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht, zusammen mit reichlich Licht ergeben ideale Bedingungen für ein gesundes Wachstum und viele wertvolle Inhaltsstoffe bei Gemüse.

Bodenverhältnisse:

Im Talbereich des Inntales dominieren Auböden aus jungem, überwiegend kalkhaltigem Schwemmmaterial. Je nach Entfernung vom Inn und Überschwemmungshäufigkeit haben sich unterschiedliche Böden entwickelt. In Flußnähe finden sich junge, seicht-mittelgründige Graue Auböden.

Die leichten Schotter- und Innsandböden und das saubere Wasser bieten ideale Voraussetzungen für die Produktion von Gemüse.

Nordtiroler Gemüse:

Mehr als 60 verschiedene Gemüsesorten werden in der Region kultiviert, unter anderem Salate, Radieschen, Kohlgemüse, Karotten und Porree. Daneben gibt es Spezialitäten, die oft nur von einigen Bauern angeboten werden: Artischocken, Stangensellerie, Knollenfenchel, Radicchio oder Rucola haben erst in den letzten Jahren die Felder erobert.

Die Tiroler Gemüsebauern produzieren pro Jahr nahezu 40.000 t Gemüse, davon stammen 1.000 t aus biologischem Anbau.
Tirol ist das wichtigste Anbaugebiet für Radieschen in Österreich. 200 Mio. Radieschen und 20 Mio. Salatköpfe werden in erster Linie für den lokalen Markt angebaut.
Jährlich wird in dem als GENUSS REGION Nordtiroler Gemüse definierten Gebiet auf einer Fläche von etwa 1.000 ha Frischgemüse produziert, davon auf ca. 40 ha nach biologischen Richtlinien.

Durch das begünstigte Klima im Raum Innsbruck wird der Gemüseanbau von Anfang Februar bis Mitte November ermöglicht. Für den ersten Anbau im Frühjahr sind die nach Süden geneigten Flächen zwischen Rum und Absam besonders günstig: Sie erwärmen sich auch bei tief stehender Frühjahrssonne schnell und ermöglichen sehr frühe Aussaaten. Der geschützte Anbau ist in Tirol von geringer Bedeutung. Das Gemüse wird vorwiegend im Freiland kultiviert.

Durch Sortenversuche der Landwirtschaftskammer Tirol, gemeinsam mit der Gemüsebauvereinigung Tirol, werden die besten Gemüsearten ermittelt und neue, innovative Sorten getestet. Qualitäts- und Geschmacksverbesserungen stehen im Mittelpunkt. Der Anbau soll darüber hinaus so umweltfreundlich wie möglich gestaltet werden.

Bewässerung:

Zum Bewässern der Felder und zum Waschen von Gemüse wird reines, sauberes Bergwasser verwendet. Die Bewässerung erfolgt mittels Rohrberegnung, vereinzelt auch über Tropfbewässerung. Bewässert wird meist abends von 21 bis 2 Uhr Früh. Jede Fläche wird alle zwei bis drei Tage mit Wasser versorgt.

Ernte:

Das Gemüse kann in Nordtirol vier bis sechs Wochen früher geerntet werden als in anderen Regionen. Verantwortlich dafür ist der Fön, der für die schnelle Trocknung der Böden sorgt und somit ideale Wachstumsbedingungen für das Gemüse schafft. Nach der Ernte wird das Gemüse bis zum Verkauf in speziellen Kühlräumen gelagert.

Um ganzjährig am Markt zu sein, wird versucht, die Liefersaison auszudehnen z.B. durch Verlängerung der Anbauphase mit Hilfe von Abdeckmaterial und Lagerung von Gemüse in Kühlräumen.

Qualitätskontrolle:

Zusätzlich zu Kontrollen  der Lebensmittelaufsicht und der Handelspartner unterziehen sich die Tiroler Gemüsebauern regelmäßigen, freiwilligen Rückstandsuntersuchungen.

Vermarktung:

Das Nordtiroler Gemüse wird hauptsächlich an Handelsketten und die Gastronomie vermarktet. Für manche Betriebe ist auch der Verkauf ab Hof oder auf Märkten von Bedeutung. Ernteüberschüsse werden nach Süddeutschland, Norditalien und die anderen österreichischen Bundesländer exportiert.

Der Anteil an Bio-Gemüse war bisher sehr gering (geschätzt 1 %) und wurde fast ausschließlich über den Wochenmarkt, einem Zustellservice und in geringem Ausmaß über eine heimische Handelskette vermarktet.

Zusammenhang mit dem geographischen Gebiet und Traditionellem Wissen:

  • Leichte Schotter- oder Sandböden und günstige Klimabedingungen des Tiroler Inntals liefern optimale Bedingungen für den Anbau zahlreicher Gemüsesorten von höchster Qualität.
  • Traditioneller Anbau in kleinen Familienbetrieben.
  • Der einzigartige Geschmack und das Aroma des Nordtiroler Gemüses stehen in direkter Beziehung zu den zahlreichen Sonnenstunden, der ausgeprägte Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht und den Fönwindlagen.
  • Dank der Kulturart und besonderen geographischen Verhältnisse kann das Gemüse früher als in anderen Regionen geerntet werden.
  • Die Erzeugung von Nordtiroler Gemüse ist das Ergebnis des Traditionellen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wird: Traditionelles Wissen und Erfahrung der Gemüsebauern (Anpassung an die Gegebenheiten der Umwelt, Auswahl von Lokalsorten, Verbesserung des Erbguts, Know-how der Bewässerung, Düngung und des Ernteoptimums) und der Erfahrung der Vermarkter.

Verwertung:

Keine Angabe

Schutz:

Keine Angabe

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Tirol, Nordtirol, Inntal, Nordtiroler Gemüse

Bibliographie / Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 21. Oktober 2008.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Tiroler Gemüsebauvereinigung
Obmann Josef Schirmer
Finkenberg 23
A-6063 Rum
Telefon: 0512 26 88 12

Autoren

Mag. Doris Reinthaler, Mag. Eva Sommer, Dr. Erhard Höbaus

Veröffentlicht am 20.10.2017, Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung (Abteilung II/8)