Oberinntaler Erdäpfel

Produktion von Erdäpfeln mit naturnahen Methoden in bäuerlichen Kleinbetrieben in der Region Oberinntal, Tirol.

Registernummer: 92

Offenlegungsdatum

Im tirolischen Oberinntal fand die Kartoffel bereits im 18. Jahrhundert eine große Ausbreitung.

Titel

Oberinntaler Erdäpfel

Kurzdarstellung oder Behauptung

Produktion von Erdäpfeln mit naturnahen Methoden in bäuerlichen Kleinbetrieben in der Region Oberinntal, Tirol.
Produktion, Lagerung und Verarbeitung erfolgt in der Region.Spezifische Boden- und Klimabedingungen, ausgewählte Erdäpfelsorten und spezielle Produktionsmethoden ergeben Erdäpfel von hoher Qualität. Bedingt durch die klimatischen Verhältnisse wachsen die Erdäpfel besonders langsam und besitzen einen charakteristischen, nussigen Geschmack.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Erdäpfel, Kartoffel, Gemüse

Name der Region

Oberes Inntal, Inntal, Nordtirol, Tirol, Österreich

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

Hannes Schöpf
Erdäpfelkeller Silz

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

Über 100 bäuerliche Kleinbetriebe

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Die Kartoffel entstammt dem Gebiet der Anden und wurde vermutlich vor etwa 7.000 Jahren zuerst in Peru kultiviert. 1536 brachte nach der Eroberung des Inkareiches der Eroberer Pizarro die Erdäpfel von Südamerika nach Spanien, von wo sie über ganz Europa verbreitet wurden.
Im heutigen Niederösterreich bauten Mönche des Klosters Seitenstetten (Mostviertel) Kartoffel vermutlich erstmals um 1620 in ihrem Klostergarten an.
Kaiserin Maria Theresia (1740 bis 1780) befahl den Erdäpfelanbau in der Waldviertler Ortschaft Pyrhabruck, Niederösterreich.

Durch die Hungersnot 1772/73 erhielt der Kartoffelanbau einen enormen Aufschwung.

Die verstärkte Akzeptanz von Erdäpfeln als Nahrungsmittel zeigte sich im Zuge des bayrischen Erbfolgekrieges zwischen Preußen und Österreich (1778 bis 1779), der auch als „Kartoffelkrieg“ bekannt ist, da verfeindete Truppen sich gegenseitig der Verpflegung beraubten, indem sie die Erdäpfel der Feinde ausgruben.

Es kann angenommen werden, dass der erste Impuls für den Kartoffelanbau von Süddeutschland aus nach Tirol gekommen ist.

In den Anfangsjahren des Kartoffelanbaues wurde der größte Teil der Ernte an Schweine verfüttert. In der Küche wußten viele Bäuerinnen mit den Erdäpfeln nichts rechtes anzufangen; man brachte sie halb „gesotten“ (gesiedet) auf den Tisch und löffelt dazu Milch.
Die Verwendung von Kartoffeln für andere Speisen wie z.B. Mehlspeisen erregte bei den Dienstboten und Nachbarn Anstoß und böse Reden.
Die Kartoffel erhielt allerlei Spottnamen wie z. B. "Natschenfutter" („natschen“ = Schweine im Tiroler Dialekt) oder "Arrestantenzöbl". Kartoffelbauern wurden abwertend als „Erdäpfelpatscher“ bezeichnet.

Im tirolischen Oberinntal fand die Kartoffel bereits um 1770 eine große Ausbreitung und wurde rasch zum Hauptnahrungsmittel. Da die Erdäpfel selten ganz missrieten und in Jahren schlechter Getreideernten immerhin noch einen geringen Ertrag lieferten, erwies sich ihre Bedeutung ganz besonders in Notjahren als sehr groß.

Weiters kann angenommen werden, dass die Fruchtwechselwirtschaft im Oberinntal mit dem Beginn des Kartoffelbaus (Ende des 18. Jahrhunderts) eingeführt wurde.

Im Oberinntal gewannen die Erdäpfel im ersten Quartal des 19. Jahrhunderts stark an Bedeutung.
Die ältesten statistischen Aufzeichnungen über den Kartoffelanbau in Tirol datieren aus dem Jahre 1836. Bereits aus diesen Aufzeichnungen geht hervor, dass die Kartoffelproduktion in den Oberländer Gerichtsbezirken intensiver betrieben wurde als im Unterinntal, obwohl dort mehr Ackerflächen bearbeitet worden waren.

J. J. Staffler führt 1839 in seiner Landesbeschreibung an, dass die Kartoffelanbaufläche sich in den 1830er Jahren um mehr als die Hälfte vergrößert habe. Er erwähnt, dass in einigen Gegenden Tirols, vor allem im Oberinntal, dir Kartoffel zur „wahren“ Brotfrucht und überall zum sichersten Schutzmittel gegen eine Hungersnot“ geworden war.

Mitte des 19. Jahrhunderts zerstörte die Kraut- und Knollenfäule, verursacht durch Phytophthora infestans, einen Großteil des Erdäpfelanbaus. 1874 fraß sich der Kartoffelkäfer durch die europäischen Erdäpfelstauden. Diese zwei Katastrophen führten zur Züchtung widerstandsfähiger Sorten und zur Verbesserung von Pflegetechniken und Pflanzenschutz.

Ab dem Jahr 1874 läßt sich die Entwicklung der Anbauflächen für Kartoffel in Tirol im Jahrbuch des k.k. Ackerbauministeriums verfolgen. Zur damaligen Zeit wurden Erdäpfel auf einer Fläche von rund 3.100 ha angebaut, davon entfielen 2.040 ha auf das Oberinntal (15 % des Ackerlandes) und 1.060 ha auf das Unterinntal (2,6 % des Ackerlandes) als Kartoffelanbaufläche ausgewiesen.
Das waren exakt 5,8 % des Ackerlandes in Nordtirol.

Bis zum ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) wuchs die Kartoffelanbaufläche in Nordtirol kontinuierlich. Erst nach dem Krieg zeigt sich erstmals eine Reduktion der Anbaufläche die wiederum in den folgenden Jahren anstiegen.

Während des Zweiten Weltkrieges (1939 bis 1945) verringerte sich der Anbau spürbar.

1968 wurde der „Erdäpfelkeller Silz“ errichtet.

Gebiet/ Region:

Das Inntal durchquert die Ostalpen von Südwesten nach Nordosten.
Seinen Namen leitet es vom Fluss Inn ab, welcher das Tal durchfließt.

Als Oberinntal wird der Bereich des Tiroler Inntals vom Finstermünzpaß bis zur Einmündung der Melach in den Inn, wenige Kilometer westlich von Innsbruck, bezeichnet.

Die Region ist eine Gebirgslandschaft zwischen den Lechtaler Alpen im Norden, der Samnaungruppe und den Ötztaler Alpen im Süden.
Das Oberinntal gehört zum Tiroler Oberland und umfasst Teile der Tiroler Bezirke Imst, Landeck und Innsbruck-Land.

Das Hauptanbaugebiet der Oberinntaler Erdäpfel liegt in den Gemeinden Silz, Arzl im Pitztal, Haiming (Bezirk Imst) sowie Oberhofen (Bezirk Innsbruck-Land).
Es findet sich auf einer Seehöhe von 620 bis 880 m.

Im Zusammenhang mit Genuss Region „Oberinntaler Erdäpfel“ umfasst die Region rund 120 ha.

Boden- und Klimaverhältnisse:

Die Böden sind leicht bis sandig/steinig.

Die Region Oberinntal zählt klimatisch zu den inneralpinen - kontinentalen Trockengebieten und gehört zu den niederschlagsärmsten Gebieten Tirols.
Der Jahresniederschlag liegt unter 700 mm.

Das Klima ist geprägt durch hohe Tages- und tiefe Nachttemperaturen.
Die Frostwechseltage betragen 110 bis 120, die Sommertage betragen nur 40 bis 56.

Oberinntaler Erdäpfel:

Bedingt durch die besonderen klimatischen Gegebenheiten mit hohen Tages- und tiefe Nachttemperaturen und die besondere Bodenbeschaffenheit in der Region wachsen die Erdäpfel langsamer. Im Zusammenspiel mit der Sortenauswahl, den Anbauverfahren, der Reife bei der Ernte und den Lagerungsbedingungen erhalten die Kartoffeln einen charakteristischen, nussigen Geschmack und besondere Qualität.

„Erdäpfel“ ist die in Österreich weit verbreitete Bezeichnung für Kartoffel.

Methode der Produktion:

Über 100 bäuerliche Kleinbetriebe produzieren Oberinntaler Erdäpfel, davon produzieren ca. 5 % der Landwirte nach biologischen Richtlinien.

Saatgut:

Erdäpfel sind Knollen der mehrjährigen Pflanze Solanum tuberosum L. aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae).

Typische Kartoffelsorten die in der Region angebaut werden sind Ditta, Marabel, Agria, Laura, Aktiva und Prinzess.
Der Großteil des Pflanzengutes stammt direkt aus dem Oberinntal oder aus der Genuss Region „Osttiroler Kartoffel“, größtenteils aus den Gemeinden Flaurling, Oberhofen und Stams.
Erdäpfel werden nach den Anbaurichtlinien der Qualität Tirol kultiviert, die mit den Anbaurichtlinien der Integrierten Produktion (IP) stimmig sind.

Boden und Düngung:

Oberinntaler Erdäpfel werden ausschließlich auf Flächen kultiviert, die in einer Ackerschlagkartei eines Landwirts verzeichnet sind. Dies sichert die Rückverfolgbarkeit bis zum Feld.

Die Böden für die Erdäpfelproduktion müssen eine optimale Nährstoffversorgung aufweisen. Aus diesem Grunde sind Bodenuntersuchungen in 3 bis 4 jährigen Intervallen von einem anerkannten Institut durchführen zu lassen.

Es sind die Düngevorgaben des Österreichischen Programms zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL) einzuhalten. Die Düngegaben sind in der Ackerschlagkartei zu dokumentieren.

Fruchtfolgen:

Es muss eine Fruchtfolge eingehalten werden um die Vermehrung kulturartenspezifischer Schädlinge und Krankheiten zu verhindern.
In Fruchtfolgen kommen im Oberinntal neben Erdäpfeln Getreide (Gerste, Weizen, Roggen) und Silomais zum Einsatz.

Anbau:

Die durchschnittliche Anbaufläche liegt bei ca.1, 2 ha pro Bauernhof.
Der Abstand von einer Furche zur anderen beträgt etwa 70 cm.
Kartoffeln werden in einem Reihenabstand von 25 bis 30 cm gepflanzt.

Der Anbau der Oberinntaler Erdäpfel erfolgt im Frühjahr, hauptsächlich im April.

Pflanzenschutzmassnahmen:

Pflanzenschutzmaßnahmen gegen Schädlinge und Krankheiten dürfen nur bei Erreichen von definierten Schadschwellen eingesetzt werden. Nur jene Pflanzenschutzmittel sind zu verwenden, die nach Anbaurichtlinien der Qualität Tirol (stimmig mit Richtlinien des Österreichischen Programms zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft = ÖPUL) erlaubt sind. Nur umweltfreundliche Pflanzenschutzmittel, die für Integrierte Produktion (IP) aufgelistet sind, dürfen verwendet werden.
Die Anwendungen sind in der Ackerschlagkartei schriftlich zu dokumentieren.

Bewässerung:

Eine Bewässerung der Erdäpfelpflanzen mit Grundwasser gibt es nur hin und wieder.

Ernte, Verlesung und Lagerung:

Oberinntaler Erdäpfel werden ausschließlich innerhalb der Region Oberinntal geerntet, sortiert und gelagert. Damit wird eine Vermischung mit Erdäpfeln anderer Regionen vermieden und die Rückverfolgbarkeit der Ware gesichert.

Die sortenreine Ernte erfolgt mit Erntemaschinen (Rodemaschinen) von August bis Oktober bei günstigen Witterungsbedingungen und Bodenverhältnissen, wenn die Knollen reif und schalenfest sind. Die Schonung der Knolle hat absolute Priorität bei der Ernte.

Der durchschnittliche Ertrag liegt bei etwa 30 Tonnen pro ha. Die jährliche Ernte in der Region beträgt rund 4.000 Tonnen.

Die Verlesung der Erdäpfel erfolgt sowohl maschinell als auch händisch.
Erdäpfel werden nach Größe, Aussehen und Qualität sortiert.

Bis zu 1.000 Tonnen der werden im Silzer Erdäpfelkeller bei optimalen Lagerbedingungen eingelagert. Die Lagertemperatur wird ab September bis Ende November kontinuierlich bis auf 4 °C heruntergefahren.
Lagerbedingungen sind Dunkelheit, Belüftung und eine Luftfeuchtigkeit von 80 %.

Weiters können bis zu 300 Tonnen Erdäpfel bei der Tiroler Saatbaugenossenschaft, bis 150 Tonnen in einer Lagerhalle im Pitztal sowie bei den Bauern selbst gelagert werden. Der Anteil einer traditionellen Lagerung in Steinkellern ist verschwindend klein.
Die Erdäpfel werden 2 bis 3 Tage vor Lieferung verpackt.

Ursprungsnachweis:

Der Ursprung von Oberinntaler Erdäpfel muss vom Feld bis zum Einzelhandel rückverfolgbar sein.

Zu diesem Zweck müssen die verpackten Kartoffeln im Lebensmitteleinzelhandel über eine Banderole mit Erzeugername, Sorte, Kocheigenschaft und Losnummer (Erntezeitpunkt) gekennzeichnet sein.

Qualität:

Oberinntaler Erdäpfel müssen im Lebensmitteleinzelhandel die Qualitätsklasse I gemäß der österreichischenVerordnung über Qualitätsklassen für Speisekartoffeln erfüllen.

Qualitätskennzeichnung: Qualität Tirol, Bio vom Berg (Genossenschaft Bio alpin), AMA-Gütesiegel.

Qualitätskontrollen

Die Produktion von Oberinntaler Erdäpfeln unterliegt den Bestimmungen der Integrierten Produktion im Rahmen des ÖPUL, den Vorgaben des AMA (Agrarmarkt Austria) Gütesiegel sowie den Vorgaben der Agrarmarketing Tirol (AMA Tirol) und den Bio-Richtlinien.

Die Kontrollen der biologischen Produktion erfolgen durch die Biokontrollstelle (BIKO) Tirol.

Vermarktung:

Die Oberinntaler Erdäpfel werden in Verkaufseinheiten zu 2 kg, 5 kg, 10 kg und 25 kg hauptsächlich an lokale Gastronomiebetriebe und an den Gemüsehandel verkauft.
Weiters spielt die Direktvermarktung (va. Ab Hof) eine wichtige Rolle in der Region.
Zusätzlich werden in der Region 300 Tonnen Saatgut produziert.

Das jährlich stattfindende „Erdäpfel-Essen“ Anfang Juli sowie das Silzer Erdäpfelfest im September als Auftakt der Erdäpfel-Einlagerungssaison im Silzer Erdäpfelkeller gelten als Höhepunkte der Region.

Zusammenhang mit dem geographischen Gebiet und Traditionellem Wissen

  • Spezielle leichte bis sandig/steinige Böden und das inneralpine - kontinentale Trockenklima ermöglichen das langsame Wachstum von Erdäpfeln von höchster Qualität.
  • Dank der Kulturart und besonderen geographischen Verhältnisse können Erdäpfel erzeugt werden, die hinsichtlich Geschmack Besonderes bieten.
  • Der einzigartige nussige und intensive Geschmack und das Aroma der Oberinntaler Erdäpfel stehen in direkter Beziehung zum geringen Niederschlag und den hohen Tages- und tiefe Nachttemperaturen.
  • Die Erzeugung von Oberinntaler Erdäpfel ist das Ergebnis des Traditionellen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde: Traditionelles Wissen und Erfahrung der Erdäpfelbauern (Anpassung der Erziehungsform an die Gegebenheiten der Umwelt, Anbau und regionale Lagerungsmethoden) und der Erfahrung der Aufkäufer und Einzelverkäufer in der regionalen Vermarktung.

Verwertung:

Der Oberinntaler Erdapfel gilt als wesentlicher Bestandteil der Original-Tiroler Küche.

Schutz:

Keine Angabe

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Tirol, Nordtirol, Region, Inntal, Oberinntal, Gemüse, Erdäpfel, Kartoffel, Erdapfel, Oberinntaler Erdäpfel

Bibliographie / Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 17. Juli 2009.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Erdäpfelkeller Silz
Hannes Schöpf
Josef-Marberger Straße 16
A-6424 Silz
Telefon: 0664 1300702
E-Mail: info@erdaepfel.info

Autoren

Mag. Eva Sommer; Dr. Erhard Höbaus

Veröffentlicht am 23.10.2017, Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung (Abteilung II/8)