Waldviertler Erdäpfel

Spezifische Methode und traditionelles Wissen für die Produktion von Erdäpfeln mit naturnahen Methoden in bäuerlichen Kleinbetrieben in der Region Waldviertel, Niederösterreich.

Registernummer: 23

Offenlegungsdatum

Erste Erwähnung des Kartoffelanbaues im Waldviertel in Pyhrabruck, nahe Weitra, im Jahr 1740.

Titel

Waldviertler Erdäpfel

Kurzdarstellung oder Behauptung

Spezifische Methode und traditionelles Wissen für die Produktion von Erdäpfeln mit naturnahen Methoden in bäuerlichen Kleinbetrieben in der Region Waldviertel, Niederösterreich.
Die besondere Bodenbeschaffenheit und die klimatischen Verhältnisse in der Region bewirken im Zusammenspiel mit den Anbauverfahren, der Reife bei der Ernte und den Lagerungsbedingungen Erdäpfel von höchster Qualität mit charakteristischem Erscheinungsbild und Geschmack.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Kartoffel, Erdäpfel, Gemüse

Name der Region

Nördliches Waldviertel, Niederösterreich, Österreich

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

Stadtgemeinde Litschau

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

Bauern im politischen Bezirk Gmünd, Nördliches Waldviertel

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Die Kartoffel entstammt dem Gebiet der Anden und wurde vermutlich vor etwa 7000 Jahren zuerst in Peru kultiviert. 1536 brachte nach der Eroberung des Inkareiches der Eroberer Pizarro die Erdäpfel von Südamerika nach Spanien, von wie sie über ganz Europa verbreitet wurden.

Im heutigen Niederösterreich bauten Mönche des Klosters Seitenstetten (Mostviertel) Kartoffel vermutlich erstmals um 1620 in ihrem Klostergarten an.
Kaiserin Maria Theresia (1740 bis 1780) befahl den Erdäpfelanbau in der Waldviertler Ortschaft Pyrhabruck, Niederösterreich.
Der Erdäpfelanbau ist somit seit ca. 1740 in der Region Waldviertel nachweisbar.

Der "Erdapfel", auch "Erdbirn", "Grundbirn" oder "Grumbirn" genannt, wurde im Waldviertel ursprünglich nur als Zier- oder Topfpflanze gehalten, bis die Nachricht von der Nahrhaftigkeit und der hohen Vermehrungsfähigkeit aus anderen Teilen Europas ins Waldviertel drang.
Die verstärkte Akzeptanz von Erdäpfeln als Nahrungsmittel zeigte sich im Zuge des bayrischen Erbfolgekrieges zwischen Preußen und Österreich (1778 bis 1779), der auch als „Kartoffelkrieg“ bekannt ist, da verfeindete Truppen sich gegenseitig der Verpflegung beraubten, indem sie die Erdäpfel der Feinde ausgruben.

Allmählich verdrängte im Waldviertel der Erdapfel das früher in großen Mengen angebaute Kraut und setzte sich im 19. Jahrhundert vollends als Grundnahrungsmittel durch.

Mitte des 19. Jahrhundert zerstörte die Kraut- und Knollenfäule einen Großteil des Erdäpfelanbaus, 1874 fraß sich der Kartoffelkäfer durch die europäischen Erdäpfelstauden. Diese zwei Katastrophen führten jedoch zur Züchtung widerstandsfähiger Sorten und zur Verbesserung von Pflanzenschutz und Pflegetechniken.

Gebiet/ Region:

Das Waldviertel, leitet seinen Namen vom Waldreichtum ab. Es liegt in der nördwestlichen Region im österreichischen Bundesland Niederösterreich und umfasst die politischen Bezirke Gmünd, Horn, Krems, Krems-Land, Waidhofen/Thaya, Zwettl sowie Teile der politischen Bezirke Hollabrunn und Melk.
Das Waldviertel ist begrenzt im Süden durch die Donau, im Südwesten durch Oberösterreich, im Nordosten und im Norden durch Tschechien, und im Osten durch den Manhartsberg.

Zentren des Kartoffelanbaus im Waldviertel sind Zwettl, Allensteig, Gmünd, Schrems, Groß-Gerungs, Litschau, Waidhofen und Weitra.
In Gmünd befindet sich die einzige Stärkekartoffelverarbeitung Österreichs.

Das Hauptanbaugebiet der Waldviertler Erdäpfel liegt auf einer Seehöhe von etwa 480 bis 670 m.
Bei den Anbauflächen der Waldviertler Erdäpfel handelt es sich um kleinstrukturierte Flächen, meist unter 1 ha.

Klima und Bodenbeschaffenheit:

Das Waldviertel hat kontinentales Klima, typisch für das Mittelgebirge. Die Sommer sind warm mit wenig heißen Tagen und kühlen Nächten, die Winter sind relativ kalt mit wenig Schneefall. Weiters ist das Klima durch häufige Früh- und Spätfröste gekennzeichnet.

Die Jahresniederschlagsmenge beträgt etwa 500 bis 800 mm, mit Maximum im Sommer. Die Vegetationsperiode ist kurz.

Geologisch, ist das Waldviertel eine Gebirgslandschaft die sich aus Graniten und Gneisen mit Höhen bis zu 1.000 m zusammensetzt.
Es ist Teil des Böhmischen Massivs und ist charakterisiert durch leichte, sandige Böden, Braunböden-Podsolböden, Braunböden und Semipodsole.
Die Böden sind humusreich mit einem pH-Wert von 5,6 bis 6.

Waldviertler Erdäpfel:

„Erdäpfel“ ist die in Österreich weit verbreitete Bezeichnung für Kartoffel.

Auf über 3.000 Betrieben werden im Waldviertel Erdäpfel produziert, wobei auf etwa 20 % der Fläche biologisch produziert wird.

Methode der Produktion

Pflanzgut:

Waldviertler Erdäpfel sind Knollen der mehrjährigen Pflanze Solanum tuberosum L. aus der Familie der Nachtschattengewächse.

Die heutigen Hauptsorten sind Ditta und Agria. Besondere Sorten werden um die Stadtgemeinde Litschau angebaut (Zyklamen, Blauer Schwede).

Das Pflanzengut stammt großteils aus der Region.

Boden und Düngung:

Für Waldviertler Erdäpfel, welche nach Bestimmungen der Integrierten Produktion sowie des AMA-Gütesiegels produziert werden, gilt:

  • Erdäpfel werden ausschließlich auf Flächen kultiviert, die in einer Ackerschlagkartei eines Landwirts verzeichnet sind. Dies sichert die Rückverfolgbarkeit bis zum Feld.
  • Die Böden für die Erdäpfelproduktion müssen eine optimale Nährstoffversorgung aufweisen. Aus diesem Grunde müssen in fünfjährigen Intervallen Bodenuntersuchungen von einem anerkannten Institut durchgeführt werden.
  • Eine allfällige Düngung hat nur bei Bedarf zu erfolgen. Dabei ist besonders auf die optimale Versorgung mit Phosphor und Kali zu achten, da es sonst zu einer Qualitätsminderung und einer Verschlechterung der Kocheigenschaften (z.B. Nachdunkelung nach dem Kochen) der Erdäpfel kommen kann.
  • Für Speiseerdäpfel sind die Vorgaben des Österreichischen Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL) einzuhalten.

Die Düngegaben sind in der Ackerschlagkartei zu dokumentieren.

Im Herbst erfolgt die Einarbeitung von gut verrottetem Stallmist in den Boden (ca. 200 dt/ha), falls dieser vorhanden ist.

Fruchtfolge:

Eine Fruchtfolge muss eingehalten werden um die Vermehrung kulturartenspezifischer Schädlinge und Krankheiten weitestgehend zu verhindern.

Bei Integrierter Produktion bzw. AMA-Gütesiegel gilt:

Erdäpfel dürfen frühestens nach drei anderen Kulturen auf der gleichen Fläche angebaut werden. Zu bevorzugen ist aber ein Abstand mit 3 bis 4 anderen Kulturen, um die Qualität der Knolle zu steigern.

Die Fruchtfolge beinhaltet Kleegras, Erbsen und Lupine.

Anbau:

Die Saaterdäpfel werden im April/Anfang Mai maschinell in den Boden gebracht (Mindestbodentemperatur von 8 °C).

Die Saatknollen werden entsprechend konditioniert, damit sie rasch austreiben.

Der Boden wird vor der Auspflanzung feinkrümelig aufbereitet.
Der Anbau erfolgt in Dammsystem mit 75 cm Dammbreite.
Anschließend werden die Reihen mit Erde angehäuft.
Die einzelne Kartoffelpflanze verfügt über eine Fläche von etwa 33 mal 75 cm (etwa 40.000 bis 50.000 Pflanzstellen pro Hektar).

Pflanzenschutzmaßnahmen:

Pflanzenschutzmaßnahmen gegen Schädlinge und Krankheiten dürfen nur bei Erreichen von definierten Schadschwellen eingesetzt werden. Nur zugelassene Pflanzenschutzmittel dürfen verwendet werden. Einschränkungen bei Pflanzenschutzmitteln („Positivliste“) gibt es bei IP und Gütesiegel Produktion.

Bewässerung:

Die Waldviertler Erdäpfel werden nicht künstlich bewässert.

Kontrolle des Stärkegehalts:

Im fortgeschrittenen Vegetationsstadium ist durch Stichproben der Stärkegehalt der Knolle zu kontrollieren um die erwünschten Kocheigenschaft zu erhalten. Dies dient zur Festlegung des optimalen Erntezeitpunkt, wenn die Knolle dann ihre sortentypische Form und Größe erreicht hat.

Ernte, Verlesung und Lagerung:

Die Ernte erfolgt mit Erntemaschinen bei günstigen Witterungsbedingungen und Bodenverhältnissen im Herbst. Die Knollen müssen reif und schalenfest sein. Die Schonung der Knolle hat absolute Priorität bei der Ernte.

Ende Juli wird mit der Ernte begonnen, die Haupternte der Waldviertler Erdäpfel findet im September/ Oktober statt.

Die Ernte erfolgt maschinell mit Kartoffelroder (Schleuderroder und Siebroder) oder Vollernter bei Temperaturen über 10 °C.

Der durchschnittliche Ertrag beträgt rund 32 Tonnen Speisekartoffel pro ha bzw. 35 t/ha bei Stärkekartoffel.

Die Verlesung erfolgt händisch am Kartoffelroder.
Die Erdäpfel werden nach Größe sortiert bzw. nach Aussehen/Qualität unterschieden.

Die sorgfältige Lagerung erfolgt im eigenen Betrieb oder bei regionalen gemeinschaftlichen Lagerhallen bei optimaler Temperatur (ca. 3 bis 5 °C) in dunklen, gut durchlüfteten Räumen. Die Erdäpfel werden sowohl in Kisten als auch in loser Schüttung gelagert.

Dadurch kann es zu keiner Druckbeschädigung bzw. vorzeitigem Altern kommen. Die Erdäpfel können auf natürliche Weise bis Mai/Juni des Folgejahres lang gelagert werden.

Die Abpackung der Erdäpfel erfolgt großteils in der Region in unterschiedlichen Verkaufseinheiten von 1 bis 10 kg, sowohl in Kisten als auch in Netzen.

Ursprungsnachweis

Waldviertler Erdäpfel müssen entlang der Lebensmittelkette rückverfolgbar sein.
Deshalb müssen die Landwirte verpflichtend Aufzeichnungen über die verwendeten Felder und Sorten und über das Ernten der unterschiedlichen Sorten führen.

Qualitätskontrollen:

Für die Veredelungskartoffeln gelten firmenspezifische Qualitätsbestimmungen.

Etwa 11 % der Produktionsfläche unterliegen den Bestimmungen der Integrierten Produktion im Rahmen des ÖPUL, den Vorgaben des AMA Gütesiegel.

Die Kontrollen zu ÖPUL and AMA Vorgaben erfolgen durch akkreditierte Kontrollstellen. Weiters gibt es zahlreiche interne Kontrollen.

Qualitätskennzeichnung:

Teilweise AMA Gütesiegel oder Global GAP beim Landwirt und IFS Standard beim Abpacker, Veredler und Händler und weisen den Internationalen Food Standard (IFS) auf.

Vermarktung:

Die Vermarktung erfolgt über regionale Erdäpfelhändler, Stärkefabrik Gmünd, Speiseindustrie, Direktvermarktung, Lebensmitteleinzelhandel, Verarbeitungsbetrieb.

Zusammenhang mit dem geographischen Gebiet und Traditionellem Wissen:

  • Spezielle leichte, sandige, nährstoffreiche Böden und kontinentales Mittelgebirgsklima im Anbaugebiet ermöglichen den Anbau zahlreicher Erdäpfelsorten in höchster Qualität.
  • Waldviertler Erdäpfel umfassen verschiedene Sorten, auch lokale, die optimal an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind.
  • Dank der Kulturart und besonderen geographischen Verhältnisse können Erdäpfel erzeugt werden, die hinsichtlich Geschmack und Qualität Besonderes bieten.
  • Der einzigartige Geschmack und das Aroma der Waldviertler Erdäpfel stehen in direkter Beziehung zu warmen Sommern, geringen Niederschlag und kalten Wintern.
  • Die Erzeugung von Waldviertler Erdäpfel ist das Ergebnis des Traditionellen Wissens, das an die in diesem Bereich Tätigen weitergegeben wurde: Traditionelles Wissen und Erfahrung der Erdäpfelbauern (Anpassung der Kulturform an die Gegebenheiten der Umwelt, Auswahl von Sorten, Althergebrachten Anbau und Erntemethoden, Verbesserung des Erbguts, Know-how des Ernteoptimums, Lagerung unter optimalen Bedingungen) und der Erfahrung der Aufkäufer und Einzelverkäufer in der Vermarktung.

Verwertung:

Die Waldviertler Erdäpfel gelten als wichtiger Bestandteil der traditionellen Küche und werden sowohl als Beilage verwendet als auch zu zahlreichen Gerichten verarbeitet.

Speiseerdäpfel: Erdäpfelsalat, Waldviertler Knödel, Erdäpfelsterz, Bratkartoffel, Erdäpfelpuffer, Original Waldviertler Mohnnudeln, Erdäpfelsuppe, Erdäpfelkas etc.

Speiseindustrieerdäpfel: Erdäpfelflocken für Pürree, Knödel

Babynahrung (solche Flocken werden ebenfalls in Gmünd hergestellt)

Stärkeerdäpfel: Kosmetikartikel, Zusatz bei der Papiererzeugung, Bauindustrie, chemische Industrie

Schutz:

Keine Angabe

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Niederösterreich, Region, Waldviertel, Gmünd, Kartoffel, Erdapfel, Erdäpfel, Zyklamen, Blauer Schwede, Sigma, Ditta, Kipfler, Hermes

Bibliographie/ Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 17. Juli 2009.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Stadtgemeinde Litschau
Bgm. Otto Huslich
Stadtplatz 25
3874 Litschau/ Niederösterreich
Telefon: 02865/219
E-mail: bgm.huslich@litschau.at
Homepage: www.litschau.at

Autoren

Mag. Eva Sommer, Dr. Erhard Höbaus

Veröffentlicht am 30.10.2017, Abteilung II/8 - Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung

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