Wiener Gemüse

Traditioneller Anbau zahlreicher Gemüsearten in Wien, der Bundeshauptstadt von Österreich.

Registernummer: 91

Offenlegungsdatum

Erwerbsgemüsebau in Wien und der unmittelbaren Umgebung ist im 15. Jahrhundert nachgewiesen.

Titel

Wiener Gemüse

Kurzdarstellung oder Behauptung

Traditioneller Anbau zahlreicher Gemüsearten in Wien, der Bundeshauptstadt von Österreich. Gemüse erstklassiger Qualität, das im Freiland oder im geschützten Anbau (Gewächshäuser, Folientunnel) kultiviert und ganzjährig vermarktet wird.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Gemüse

Name der Region

Wien, Österreich

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

Koordinationsstelle der Landwirtschaftskammer Wien
Dipl.-Ing. Birgit Szigeti

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

32 gewerbliche Gemüsegärtnereien in Wien;
Erzeugerorganisation LGV-Frischgemüse in Wien;
Erzeugerorganisation Perlinger Gemüse GmbH

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Wiener Märkte:

In der Vergangenheit spielten die Märkte bei der Versorgung der Wiener Bevölkerung eine bedeutende Rolle.
Es wird angenommen, dass die Geschichte der Wiener Märkte um 1150 begann. Ein Dokument aus dem Jahre 1208 berichtet erstmals von einem „Marckt zu Wienn". Vermutlich entspricht dieser dem heutigen „Hohen Markt“ im Zentrum von Wien. 1234 wurde erstmals der „Neue Markt“ oder “novum forum” erwähnt; dieser wurde zum mittelalterlichen Marktplatz für Gemüse und Fleisch.
Ab 1793 gab es in der Nähe des Karlsplatzes einen bedeutenden Gemüse- und Obstmarkt. Später wurde dieser Markt auf seinen heutigen Standort auf den überbauten Wienfluss verlegt. Die Bezeichnung „Naschmarkt“ wurde erstmals in einer amtlichen Verordnung aus dem Jahre 1812 genannt.
Die Bezeichnung „Naschmarkt“ leitet sich nicht von „naschen“ oder “kosten“ ab sondern rührt entweder von Aschngstättn (= Aschenablagerungsstätte), die südlich vom Karlsplatz liegt, oder vom alten Wort „Asch“ für Milcheimer her. Ursprünglich war der Markt ein Bauernmarkt für Milch und Milchprodukte.

Gemüseanbau in Wien:

Seit dem 15. Jahrhundert ist ein Erwerbsgemüsebau in Wien und der unmittelbaren Umgebung nachgewiesen.
Meist waren es Bauernsöhne aus dem Waldviertel, die nach Wien zogen und unter schwierigsten Bedingungen und mit bescheidenen finanziellen Mitteln, mit dem Gemüseanbau begannen.
Ab dem 19. Jahrhundert benötigte die wachsende Stadt dringend Flächen für Siedlungs- und Industriebauten. Infolgedessen gingen die Gemüseanbauflächen in Simmering und Kagran zurück. Dafür aber vergrößerten sich die Gemüseanbauflächen im benachbarten Marchfeld.

1930 wurde die „Gemüseverkaufs-Genossenschaft von Wiener Gärtnern“ gegründet.
1933 wurde eine freiwillige Vereinigung der Erwerbsgärtner namens „Wiener Gärtner-Landesgartenbauvereinigung Wien“ gegründet.

1939 wurde die Vereinigung im Zuge des Anschlusses Österreichs an das das Dritte Reich aufgelöst.
1946 wurde die „Landwirtschaftliche Gemüse- und Obst-Verwertungsgenossenschaft für Wien und Umgebung“ gegründet, die 1979 in „LGV Frischgemüse Wien“ umbenannt wurde. 1992 wurde unter der Federführung der LGV-Frischgemüse die „Sonnenregion Ostösterreich“ (SGV) als Absatzkooperation für Wien, Niederösterreich und Burgenland gegründet.

2005 wurde die Plattform „Freiwillig ohne Gentechnik“ von der Stadt Wien, der Wiener Landwirtschaftskammer und der LGV-Frischgemüse gegründet.

Gebiet/ Region:

Wien ist eines der neun österreichischen Bundesländer und Bundeshauptstadt von Österreich zugleich. Wien wird heute in 23 Bezirke unterteilt. Für den Gemüsebau relevante Bezirke sind Simmering (11. Bezirk), Floridsdorf (21. Bezirk) und Donaustadt (22. Bezirk).

Wien liegt im Nordosten Österreichs, an den östlichsten Ausläufern der Alpen, im Wiener Becken. Die Bodenerhebungen liegen zwischen 151 m (Lobau) bis 542 m (Hermannskogel).

2003 betrug die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Wien ca. 6.505 (ca. 15,7 % der Gesamtfläche Wiens), davon entfielen 4.921 ha auf den Ackerbau, 749 ha auf den Wein- und Obstbau und 835 ha auf den Gartenbau (700 ha Gemüsebau). Es existieren rund 770 landwirtschaftliche Betriebe.

LGV Frischgemüse bewirtschaftet für den Gemüsebau 444 ha (144 ha geschützte Kulturen, 300 ha Freilandkulturen).

Im Kontext mit Genuss-Region “Wiener Gemüse” umfasst die Region die Bezirke Simmering (Kaiserebersdorf, Albern), Floridsdorf und Donaustadt.

Boden- und Klimaverhältnisse:

In den niedrig gelegenen Teilen Wiens wurden die Böden vorwiegend durch die Donau geformt, welche Terrassen ausbildete.
Wien ist geprägt durch gemäßigtes kontinentales Klima. Die Sommer sind warm mit durchschnittlichen Temperaturen von 22 bis 26 °C mit Höchstwerten von 30 °C und Tiefswerten von 15 °C. Die Winter sind relativ kalt mit durchschnittlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt und Schneefall, der hauptsächlich von Dezember bis März auftritt.
Der durchschnittliche jährliche Niederschlag beträgt etwa 620 mm. Jährlich werden durchschnittlich 2000 Sonnenstunden registriert.

Wiener Gemüse:

Es werden mehr als 40 verschiedene Gemüse, wie z.B. Gurken (Cucumis sativus), Tomaten (Solanum lycopersicum), Paprika (Capsicum), Häuptlsalat (Lactuca saiva), Radieschen (Raphanus sativus subsp. sativus), Karfiol (Brassica oleracea var. botrytis L.), Kohlrabi (Brassica oleracea L. convar. acephala (DC.) Alef. var. gongylodes L.), Brokkoli (Brassica oleracea var. silvestris L.), Jungzwiebel (Allium fistulosum), Kohl (Brassica), Porree (Allium porrum), diverse Salate (Kopfsalat, Vogerlsalat, Lollo Rosso, Lollo Bionda, Eichblatt und Frisée) sowie Spinat (Spinacia oleracae), Mais (Zea mays), Knollensellerie (Apium graveolens var.rapaceum), Stangensellerie (Apium graveolens var. secalinum var. dulce) und Zucchini (Cucurbita pepo ssp. pepo convar. Giromontiina) angebaut.

Methode der Produktion:

Erwerbsgärtner kultivieren in Wien Gemüse auf durchschnittlich 1,5 ha. Bei den Betrieben handelt es sich um Familienunternehmen. Das Gemüse wächst im Freiland und im geschützten Anbau (heizbare Gewächshäuser und Folientunnel) heran.

Die Produktion erfolgt nach den Vorgaben der Integrierten Produktion (IP) unter Berücksichtigung eines schonenden Umgangs mit dem Boden und eines minimierte Einsatzes ausschließlich umweltverträglicher Pflanzenschutzmittel.
Zu einem geringen Anteil wird Gemüse nach biologischen Richtlinien produziert.

Saatgut:

Wiener Gemüse wird ausschließlich aus gentechnisch unverändertem Saatgut produziert.

Düngung und Bewässerung:

Wiener Gemüse wird auf Flächen kultiviert, die in einer Ackerschlagkartei eines Landwirts verzeichnet sind.
Im Rahmen der Integrierten Produktion werden die Böden regelmäßig auf Phosphor- und Kalium-Gehalte (zweimal jährlich) und Stickstoff-Gehalte (jährlich) überprüft.
Die Düngung unterliegt den Anforderungen des Österreichischen Programms zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft (ÖPUL). Die Düngegaben sind in der Ackerschlagkartei zu dokumentieren.

Für die Bewässerung wird Regenwasser, Brunnenwasser oder Wiener Hochquellwasser (Trinkwasser von alpinen Quellen, das via Wasserrohrleitungen nach Wien transportiert wird) verwendet.
Gemüse in geschützten Kulturen können mit Nährstoffen über computergesteuerte Tröpfchenbewässerungssysteme versorgt werden.

Fruchtfolge:

Im Freilandanbau muss eine regelmäßige Fruchtfolge eingehalten werden. Die Fruchtfolge hängt von den angebauten Gemüsen ab.

Pflanzenschutzmaßnahmen in geschützten Kulturen:

Zum Schutz vor Unkräutern und Bodenkrankheiten werden die Böden mit weißen Plastikfolien abgedeckt. Entsprechend den Vorgaben der Integrierten Produktion ist ausschließlich eine biologische Schädlingsbekämpfung (Einsatz von Nützlingen) erlaubt.

Ernte:

Das Gemüse wird, abhängig von der Art, maschinell oder händisch geerntet. Die Ernte erfolgt ganzjährig, wobei von Mitte März bis Anfang November Hauptsaison ist.

Verarbeitung und Verpackung:

Nach der Ernte wird das Gemüse seinen Ansprüchen entsprechend gelagert. Danach wird es von der entsprechenden Erzeugerorganisation für den Verkauf verpackt.
Der Großteil wird als Frischgemüse angeboten; nur in geringem Umfang wird das Gemüse von den Direktvermarktern weiterverarbeitet.

Ursprungsnachweis:

Wiener Gemüse muss entlang der Lebensmittelkette rückverfolgbar sein. Landwirte führen zu diesem Zweck verpflichtend Aufzeichnungen über die verwendeten Felder und Gemüsesorten und über das Ernten der unterschiedlichen Sorten.

Die regionalen Verpackungsbetriebe verzeichnen die Lieferanten, die Gemüseart, die Gemüsemenge und das Lieferdatum.

Im Lebensmitteleinzelhandel ist das Gemüse mit einer Chargennummer gekennzeichnet, welche dem Konsumenten erlaubt das Produkt bis zum Produzenten zurück zu verfolgen.

Qualität:

Wiener Gemüse entspricht im Lebensmittelhandel der Qualitätsklasse I.

Qualitätskontrolle:

Die Produktion von Wiener Gemüse unterliegt den Bestimmungen des ÖPUL und den Bestimmungen des AMA Gütesiegels. Beide werden durch akkreditierte Kontrollorganisationen geprüft. Zusätzliche Vereinbarungen können bei Vertragsanbau angefordert werden.
AMA Gütesiegel entspricht den Kriterien von Global GAP für Landwirte in Österreich.
Zertifizierte Abpacker, Verarbeiter und Händler wenden den International Food Standard (IFS) an.

LGV-Frischgemüse hat betriebseigene Sortier-, Verpackungs- und Produktionsrichtlinien erlassen, die über den EU-Standard hinausgehen.
Mehrere hundert Gemüseproben werden jährlich freiwillig von der Lebensmitteluntersuchungsanstalt der Stadt Wien (MA 38) auf Pestizidrückstände, Nitratgehalt sowie auf andere umweltrelevante Schadstoffe analysiert. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Tendenz zu sinkender Kontamination mit Umweltbelastungen bei Lebensmitteln. Das spiegelt die hohe Qualität des Wiener Gemüses wieder.

Zusätzlich zu den externen Kontrollen durch akkreditierte Untersuchungsanstalten führt LGV-Frischgemüse strenge interne Qualitätskontrollen durch, die abhängig von der Gemüsesorte, bis zu 20 Parameter beinhalten. Neben regulären Kontrollen von Reifegrad, Gewicht und äußerer Qualität sowie sensorischen Überprüfungen führt LGV auch unangekündigte Kontrollen durch.

Lagerversuche liefern wertvolle Informationen über die Haltbarkeit von Gemüsesorten.
Die Ergebnisse der Tests und Untersuchungen sind die Basis von gemeinsamen Entscheidungen der LGV und Gärtner über die Saatgutwahl, geeignete Anbaumethoden und den Schutz der Kulturen vor Schädlingen und Krankheiten.

Vermarktung:

Wiener Gemüse ist ganzjährig verfügbar. 75 % werden über die LGV-Frischgemüse Wien vermarktet, der verbleibende Rest über die Erzeugerorganisation Perlinger Gemüse GmbH oder über Direktvermarktung.
Etwa 4 % werden nach Deutschland, Slowenien, Niederlande und Italien exportiert.

Zusammenhang mit dem geographischen Gebiet und Traditionellem Wissen

  • Besondere Boden- und Klimaverhältnisse in der Region liefern optimale Bedingungen für den Anbau von Gemüse im Freiland und im geschützten Anbau (Gewächshäuser, Folientunnel).
  • Der einzigartige Geschmack und das Aroma von Wiener Gemüse sind das Ergebnis optimaler Boden-, Wasser- und Klimabedingungen sowie kurzer Transportwege.
  • Die Erzeugung von Wiener Gemüse ist das Ergebnis des Traditionellen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wird: Traditionelles Wissen und Erfahrung der Gemüsebauern (Anpassung der Produktionsmethode an die Gegebenheiten der Umwelt, Auswahl der Sorten, Ernteverfahren und Lagerungstechniken) und der Erfahrung der Einzelverkäufer in der Vermarktung und Verarbeiter (Tiefkühlgemüse, Convenience Produkte, Gemüsekonserven).

Verwertung:

Wiener Gemüse wird entweder als Frischgemüse verwendet oder weiterverarbeitet.
Ein traditionelles Rezept ist „Gemüse auf Wiener Art“ (eingebranntes Gemüse). In der Vergangenheit waren Gemüse und Hülsenfrüchte Hauptnahrungsmittel der urbanen kinderreichen Arbeiterfamilien. Der Zusatz von Fett und Mehl zu Gemüse hatte zum Ziel die Kalorienzahl zu erhöhen und Sättigungsgefühl zu erzeugen.
Bis heute wird die Bezeichnung „Gemüse auf Wiener Art“ als Synonym für eingebranntes Gemüse verwendet.

Schutz:

Wortbildmarke „LGV-Frischgemüse“ (Österreichisches Patentamt).

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Wien, Gemüse, LGV, Tomaten, Gurken, Paprika, Radieschen, Brokkoli, Jungzwiebel, Karfiol, Kohl, Kohlrabi, Porree, diverse Salate (Kopfsalat, Vogerlsalat, Lollo Rosso, Lollo Bionda, Eichblatt und Frisée), Spinat, Mais, Knollensellerie, Stangensellerie, Zucchini

Bibliographie/ Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 29. Oktober 2009.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Koordinationsstelle der Landwirtschaftskammer Wien
Dipl.-Ing. Birgit Szigeti
Gumpendorfer Straße 15
1060 Wien
Telefon: 0043 1/5879528-23
E-Mail: birgit.szigeti@lk-wien.at

Autoren

Mag. Doris Reinthaler, Mag. Eva Sommer, Dr. Erhard Höbaus

Veröffentlicht am 30.10.2017, Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung (Abteilung II/8)