Strohwein, Schilfwein

Traditionelle Herstellung von Stroh- und Schilfweinen in Österreich.

Registernummer: 230

Offenlegungsdatum

Die Technik der Strohweinherstellung hat sich vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts im Burgenländischen Rust (bis 1921 zu Ungarn gehörig) etabliert.
Das Verfahren, Reben vor der Kelterung auf Schilf anstatt wie ursprünglich auf Stroh zu trocknen (Schilfwein), ist eine Entwicklung, die auf das Jahr 1989 zurückgeht.

Titel

Strohwein, Schilfwein

Kurzdarstellung oder Behauptung

Traditionelle Herstellung von Stroh- und Schilfweinen in Österreich. Stroh- bzw. Schilfwein wird aus vollreifen und zuckerreichen weißen oder roten Trauben hergestellt. Sie werden vor der Kelterung mindestens zwei bis drei Monate gelagert auf Stroh bzw. Schilf oder aufgehängt an Schnüren einem natürlichen Trocknungsprozess unterzogen. Der gepresste Saft muss ein Mostgewicht von mindestens 30 ° bzw. 25 ° KMW aufweisen.
Das Herstellungsverfahren der Stroh- und Schilfweine bringt sehr schwere, lange lagerfähige Weine mit einem Alkoholgehalt von 14 % Vol. oder mehr hervor.
Als Prädikatsweine dürfen Stroh- und Schilfweine nicht vor dem 1. Mai des auf die Ernte folgenden Jahres an den Verbraucher abgegeben werden.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Wein

Name der Region

Burgenland, Österreich

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

Keine Angabe

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

Keine Angabe

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Schilfwein, Strohwein:

Das Prinzip der Strohweinherstellung war schon in der Antike bekannt.
Bereits die Römer stellten Süßwein („Passum“) aus Trauben her, die sie zuvor mehrere Monate auf Stroh getrocknet hatten. Der Wein bildet die Grundlage für alle italienischen Süßweine, die heute nach dem Passito-Verfahren (Passito leitet sich von Wort „appassito“ ab, was so viel wie welk oder verwelkt bedeutet.) hergestellt werden.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. (vor Christus) beschrieb der griechische Dichter Hesiod einen süßen, von sonnengetrockneten Trauben gewonnenen Wein, der damals unter der Bezeichnung „Nama“ bekannt war. Die Trauben wurden hierfür zehn Tage und Nächte lang an der Sonne getrocknet und weitere fünf Tage im Schatten liegen gelassen und dann in Krügen zu Wein vergoren.

1833 schreibt Cyrus Redding (1785 bis 1870) in „A history and description of modern wines“, dass die Technik der Strohweinherstellung in Frankreich weit verbreitet war und berichtet von derartigen Weinen in Hermitage (Rhône) sowie in den Regionen Elsass und Jura.

Vermutungen nach soll sich die Herstellung von Strohwein in Österreich Anfang des 19. Jahrhunderts in der Burgenländischen Wein-Region Rust (bis 1921 zu Ungarn gehörig) etabliert haben.

Im 20. Jahrhundert geriet die Tradition des Strohweins zunächst in Vergessenheit bis 1982 der Golser Winzer Georg Stiegelmar den Weintyp erneut in Österreich einführte.

Der Schilfwein ist eine Entwicklung, die auf den Winzer Willi Opitz aus Illmitz zurückgeht. Weil die hygienischen Bedingungen von Stroh und stickigem, schlecht durchlüftetem Dachboden nicht das optimale Umfeld für die Herstellung von feinen Strohweinen lieferten, arbeitete Opitz 1989 an einer Verbesserung der herkömmlichen Verarbeitungsmethode. Er errichtete einen langen Gemüsetunnel, in dem er Holzregale mit Fächern aufstellte. Statt der Fachbretter verwendete Opitz meterlange Schilfmatten, auf denen er die Trauben locker ausbreitete. Der Tunnel war hinten und vorne offen, sodass die Luft zirkulieren konnte. Das Schilf ermöglichte im Gegensatz zu einem auf den Boden liegenden Strohbelag eine gute Durchlüftung. Durch die Sonneneinstrahlung war es im Herbst und Winter warm genug, um die Trauben trocknen zu lassen. Nach einer Trocknungszeit von drei Monaten präsentierten sich die Reben in einem optimalen Zustand, sodass sie darüber hinaus im Gemüsetunnel gelagert werden konnten. Heute produziert Opitz Schilfweine aus Trauben, die mehr als sechs Monate auf Schilfmatten geruht haben.

2002 wird die Verkehrsbezeichnung „Schilfwein“ in das Weingesetz neu aufgenommen. Sie ist (ebenso wie die anderen Prädikatsstufen) ein traditioneller spezifischer Begriff im Sinn von Anhang VII A Z 2 lit. c zweiter Anstrich vierter Unteranstrich der GMO-Wein. Der Begriff ist ebenfalls in der Kommissions-Durchführungsverordnung zum Bezeichnungsrecht verankert.

Gebiet/ Region:

Das Herstellungsverfahren von Stroh- bzw. Schilfwein ist österreichweit verbreitet, wobei sich das Produktionsgebiet von Schilfwein hauptsächlich auf das Burgenland, im Besonderen das Gebiet um Illmitz, Apetlon, Podersdorf und Rust konzentriert. Das mag am großen Schilfbestand des Burgenlandes liegen. Der Schilfgürtel des Neusiedler Sees stellt mit rund 178 km² den zweitgrößten zusammenhängenden Schilfbestand Europas dar und gilt daher als natürliches Wahrzeichen des Sees.

Außerhalb Österreichs wird Strohwein in Frankreich (Vin de Paille), Italien (Amarone, Recito), Griechenland (Samos), Zypern (Commandria) und Spanien gekeltert.

Schilfwein, Strohwein:

Gemäß Österreichischem Weingesetz 2009 werden Stroh- und Schilfweine den Prädikatsweinen zugeordnet. Darunter versteht man Qualitätsweine besonderer Leseart und Reife. Die Weine werden hauptsächlich anhand des natürlichen Zuckergehaltes der Trauben und der Erntebedingungen definiert und dürfen weder angereichert noch gesüßt werden. Im Sinne der GMO-Wein (Gemeinsame Marktorganisation Wein) sind Prädikatsweine Weine mit geschützter Ursprungsbezeichnung.

Strohwein oder Schilfwein ist Süßwein aus vollreifen und zuckerreichen roten oder weißen Trauben, die vor der Kelterung mindestens zwei bzw. drei Monate zum natürlichen Trocknen auf Stroh oder Schilf gelagert oder an Schnüren aufgehängt werden. Je nach Region unterscheiden sich die zur Trocknung der Weintrauben verwendeten Methoden. Ziel des Trocknungsvorganges ist ein möglichst hoher Wasserverlust bei gleichzeitiger Erhöhung des Zuckergehaltes und der Konzentration der Inhaltsstoffe. Der Mindestzuckergehalt (Mostgewicht) muss 25 ° KMW betragen. Der Gehalt an flüchtiger Säure darf nicht über 2,4 g/l liegen.

Bis 2002 mussten Trauben für Stroh- oder Schilfwein mindestens drei Monate an der Luft getrocknet werden, bevor sie vinifiziert werden konnten. Unter bestimmten Klimabedingungen hatte sich diese Frist als zulange erwiesen und sich negativ auf die Qualität des Leseguts ausgewirkt, weshalb das Österreichische Weingesetz novelliert und die Frist gelockert wurde. Derzeit kann Lesegut bereits nach mindestens zwei Monaten abgepresst werden, sofern es ein Mostgewicht von mindestens 30 ° KMW erreicht hat. Weist der Saft bei einer Lagerung von mehr als zwei, jedoch weniger als drei Monaten ein Mostgewicht von weniger als 30 ° KMW aus, kann dieser Wein nicht als Stroh- oder Schilfwein deklariert, sehr wohl aber als Qualitätswein in Verkehr gebracht werden.
Stroh- oder Schilfwein darf keine zusätzlichen Bezeichnungen für Prädikatswein tragen.

Methode der Produktion:

Stroh- und Schilfweine werden unter anderem aus den Rebsorten Scheuerrebe, Chardonnay, Traminer, Welschriesling, Zweigelt und Muskat-Ottonel gekeltert.

Für die Produktion werden nur ausgesuchte und gesunde Trauben verwendetet, die im Herbst geerntet und anschließend in trockenen Räumen z.B. auf dem Dachboden zum Trocknen gelagert werden. Einige Winzer trocknen die Trauben auch in Folientunneln, in denen der Trocknungsprozess schneller abgeschlossen wird. Wichtig ist, dass sich die Trauben bei der Lagerung nicht berühren. Das Auftreten von Edelfäule (Botrytis) ist bei dieser Herstellungsmethode unerwünscht, da bei den Süßweinen dieser Art die Frucht dominieren soll. Deshalb werden die Trauben während des Trocknungsprozesses laufend kontrolliert und beschädigte Früchte aussortiert, wodurch eine Infektion der anderen Trauben vermieden wird.

Erst wenn der nach Österreichischen Weingesetz festgelegte Mindestzuckergehalt erreicht ist, wird gepresst. Der Zeitpunkt hierfür liegt meist im Hochwinter. Anschließend wird der zuckerhältige Most zum Vergären in Holzfässer oder Stahltanks gefüllt, wo er mindestens zwei bis drei Jahre reift. Stroh- und Schilfweine werden sowohl sortenrein als auch als Cuvée ausgebaut.

Geschmack, Aussehen:

Stroh- oder Schilfweine sind sehr dicht bei prägnanter Säure, angenehmer Süße und überraschender Frische, vielfach begleitet vom typischen Strohton. Die Weine sind lange lagerfähig und verfügen über einen Alkoholgehalt von um die 14 % Vol.

Vermarktung:

In Flaschen abgefüllte Stroh- und Schilfweine dürfen nicht vor dem 1. Mai des auf die Ernte folgenden Jahres an den Verbraucher abgegeben werden.

Stroh- und Schilfwein wird direkt, über Vinotheken, den Lebensmittelhandel, die Gastronomie sowie über das Internet vermarktet und auch ins Ausland exportiert.

Verwertung:

Stroh- und Schilfweine eignen sich ideal als Begleiter zu kräftigem Käse und Desserts.

Schutz:

Keine Angabe

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Region, Wein, Rotwein, Weißwein, Strohwein, Schilfwein

Bibliographie/ Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 9. August 2011.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Keine Angabe

Autorin

Mag. Doris Reinthaler

Veröffentlicht am 07.12.2017, Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung (Abteilung II/8)