Leithaberger Edelkirsche

Traditioneller Anbau von Süßkirschen (Prunus avium) in Mischkultur in Weingärten in der Region Leithaberg, Nordburgenland.

Registernummer: 78

Offenlegungsdatum

Der Anbau von Kirschen in der Region Leithaberg auf Wein- und Ackerflächen geht auf das 18. Jahrhundert zurück.

Titel

Leithaberger Edelkirsche

Kurzdarstellung oder Behauptung

Traditioneller Anbau von Süßkirschen (Prunus avium) in Mischkultur in Weingärten in der Region Leithaberg, Nordburgenland.
Die Leithaberger Edelkirschen werden seit Jahrhunderten in der definierten Region angebaut, verarbeitet und vermarktet. Bedingt durch besonders nährstoffreiche Böden und ideale Klimabedingungen, beeinflusst durch den großen Steppensee „Neusiedler See“ und die pannonische Wetterlage, entwickelten sich zahlreiche Kirschensorten mit lokalen und regionalen Unterschieden.

Produktbezeichnung, Produktklasse

Steinobst, Frischobst, Obst

Name der Region

Nordburgenland, Burgenland, Österreich

Suchgebiet

Lebensmittel und Landwirtschaft

Name des Informationsgebers

Ernst Engel
A-7082 Donnerskirchen

Name des Antragstellers für den Titel

Keine Angabe

Inhaber des Wissens oder zugehöriger Quellen

Zahlreiche Kirschenbauern der Gemeinden Donnerskirchen, Purbach, Breitenbrunn, Winden und Jois

Empfänger, Inhaber, Bevollmächtigter, Eigentümer eines Titels

Keine Angabe

Beschreibung

Geschichte:

Aus fossilen und prähistorischen Funden von Steinkernen geht hervor, dass bereits in jungsteinzeitlichen Siedlungen Kirschen in Mitteleuropa als Wildobst genutzt wurden. Kultursorten waren allerdings lange Zeit nur im Schwarzmeerraum (Kleinasien) bekannt.

In Europa nahm die Kultivierung von Süß- und Sauerkirschen vermutlich im antiken Griechenland ihren Anfang.

Aufzeichnungen von Theophrastos (um 371 bis 287 vor Christus) belegen, dass Kulturformen von Kirschen bereits im 4. Jahrhundert vor Christus in Griechenland bekannt waren. In Rom war zu dieser Zeit nur die Wildform bekannt. Der römische Feldherr Lucullus (118 bis 57 vor Christus), brachte die Kulturkirschen als kostbare Trophäe aus der Stadt Cerasunt (Kleinasien) nach Italien.
Die antike Kolonialstadt Cerasunt (heutiges Giresun) gab dem Kirschbaum seinen wissenschaftlichen lateinischen Namen Prunus cerasus. Kirschen galten lange Zeit als wichtiger Bestandteil der Legionärsernährung der Römer.

Im Mittelalter förderte Karl der Großen (747 bis 814 nach Christus) in seiner Landgüterverordnung „Capitulare de villis vel curtis imperii“ von 802 den Kirschenanbau in ganz Europa.
Der Kirschenanbau in der Region Leithaberg begann im 18. Jahrhundert auf Wein- und Ackerflächen.

Die Kirschenproduktion der Region Leithaberg diente vorwiegend dem Verkauf auf den Wiener Märkten. Daher wurden Sorten gewählt, die eine lange Lieferzeit garantierten. Der Schwerpunkt der Sortenauswahl lag daher bei den Maikirschen und den Kirschen der ersten zwei Juniwochen.
Spätere Sorten fanden weniger Verwendung, da von Juni bis Juli bereits Kirschen aus anderen Regionen Österreichs verfügbar waren.

Im Laufe der Jahrhunderte ist in der Region Leithaberg eine große Zahl an Süßkirschensorten entstanden. Meist handelte es sich dabei um Zufallssämlinge.

Seine wirtschaftliche Blüte in der Region erlebte der Kirschenanbau in der Zwischen- und Nachkriegszeit. Rund 10.000 bis 15.000 Kirschenbäumen waren in jeder Gemeinde zu finden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzten gezielte Kreuzungen wertvoller Sorten ein.

Auf die Bedeutung der Kirschenproduktion als wichtige Einnahmequelle weist das Gemeindewappen von Jois hin. Obwohl Jois als Weinbaugemeinde bekannt ist, zieren nicht Weintrauben sondern drei Herzkirschen das Wappen.

Seit 1999 trägt die Region offiziell den Namen „Kirschblütenregion“.
Die Genuss Region Leithaberger Edelkirsche liegt innerhalb des UNESCO Welterbes „Kulturlandschaft Fertö - Neusiedler See“.

2003 startete ein ÖPUL- Projekt mit dem Ziel der Erhaltung des wertvollen Altbestandes an Hochstammbäumen in der „Kirschblütenregion“.

Das LEADER-Programm „Nordburgenland plus" (2008 bis 2013) enthält Aktivitäten wie Auspflanzung von 1.000 Kirschbäumen in traditioneller Mischkultur in den Bezirken Eisenstadt, Neusiedl und Mattersburg sowie Aktivitäten zur Förderung der Marke Leithaberger Edelkirsche. Dadurch soll die Nachpflanzung gesichert und das Aussterben der Edelkirschen verhindert werden.

Gebiet/ Region:

Die Region Leithaberg liegt an den Ausläufern des Leithabgebirges im nördlichen Burgenland, etwa 50 Kilometer südöstlich von Wien.
Die Region liegt zwischen den Südosthängen des Leithagebirges und dem nordwestlichen Ufer des Neusiedlersees. Sie erstreckt sich von den Gemeinden Donnerskirchen über Purbach, Breitenbrunn und Winden bis Jois.

Die Region Leithaberg zählt zu den ältesten Weinbaugebieten der Welt, was das Landschaftsbild entsprechend gestaltete.

Bodenbeschaffenheit und Klima:

Die Böden in der Region sind besonders nährstoffreich. Urgesteinsverwitterungen mit sandigem Lehm, Schiefer und Muschelkalk ergeben einen Wein- und Obstgeschmack mit einem unverwechselbaren mineralischen Ton.

Das Klima des Gebietes ist pannonisch geprägt und wird wesentlich durch den Neusiedler See beeinflusst. Die riesige Wassermasse wirkt als Wärmespeicher, mildert sommerliche Temperaturschwankungen und schützt vor frühen Herbstfrösten und wirkt als Feuchtigkeitsspender.
Die Sommer sind heiß und trocken, die Winter kurz und schneearm.
Der Herbst ist sonnig mit milden Temperaturen und dauert bis spät in den Oktober, mitunter November hinein.
Der Frühling beginnt zeitiger als in anderen Regionen Österreichs und ist gekennzeichnet durch milde Temperaturen.

Das Leithagebirge schirmt den Raum etwas gegen die vorherrschenden regenbringenden Westwinde ab. Die jährliche Niederschlagsmenge ist gering (unter 600 mm/Jahr). Das Temperaturjahresmittel liegt bei über 9,5 °C, somit gilt die Region als wärmste des Bundesgebietes.

Die lange Vegetationsperiode (bis zu 250 Tage) und die trockenen und heißen Sommermonate begünstigen den Wein, Obst- und Gemüsebau und sind auch für den Tourismus von Bedeutung.

Leithaberger Edelkirsche:

Süßkirschen zählen zur Familie Rosaceae, Gattung Prunus und sind fleischige Früchte, welche einen einzelnen Steinkern enthalten.

Die wissenschaftliche Bezeichnung der Süßkirschen ist Prunus avium („Vogelkirschen“) und geht auf die Vorliebe der Vögel (lat. Avis) zurück.

Die Leithaberger Edelkirschen umfassen mehr als 15 verschiedene Süßkirschensorten mit großer Sortendiversität.

Kirschenbäume:

Die Bäume der Leithaberger Edelkirschen sind Hochstammbäume mit einer Höhe von bis zu 30 Metern. Der Stamm erreicht einen Durchmesser von rund einem Meter. Die Krone ist breit mit ausladenend Ästen. Die Bäume unterliegen einem regelmäßigen Pflegeschnitt.

Pro Hektar sind in der Region etwa drei bis fünf Kirschenbäume zu finden.
Es werden keine vorbeugenden Maßnahmen gegen Pflanzenschädlinge vorgenommen und es erfolgt keine künstliche Bewässerung der Bäume.

Die Bäume der Leithaberger Edelkirschen werden traditionell in Weingärten kultiviert. Heute werden auch teilweise Brachen verwendet.
Als Ergänzung zu den Kirschenbäumen werden in der Region Weichseln, Mandeln, Weingartenpfirsiche und Zwetschken angebaut.

Blüte:

Beginn der Kirschenblüte in der definierten Region ist Ende März bzw. Anfang April, die Hochblüte wird je nach Witterung Mitte April erwartet.
Die Kirschen werden fast ausschließlich durch Insekten, vor allem Honigbienen, bestäubt.

Früchte:

Hauptsorte ist die Joiser Herzkirsche. Eine weitere bedeutende Sorte ist die Donnerskirchner Herzkirsche. Weitere Sorten müssen noch wissenschaftlich bestimmt werden. Andere Varietäten tragen lokale traditionelle Namen, die ihnen von Bauern gegeben wurden, wie z.B. „Diplomatenkirsche“.
Die Leithaberger Edelkirschen besitzen einen reichhaltigen süßen Geschmack und unvergleichliches, intensives Aroma.

Ernte:

Die Ernte der Kirschen erfolgt im vollreifen Zustand per Hand von Ende Mai bis Mitte Juni.

Ernährungsaspekte:

Kirschen sind reich an Folsäure, Vitaminen der B-Gruppe und Vitamin C, Kalium, Eisen, Magnesium und Phosphor. Die Kirschen enthalten sekundäre Pflanzenstoffe (Anthocyane), welche eine antioxidative und entzündungshemmende Wirkung sowie weitere gesundheitsfördernde Effekte besitzen.
Kirschen enthalten Ballaststoffe, Fruchtsäure und Fruchtzucker zur Verdauungsförderung. Der Verzehr von Kirschen lindert vermutlich Gicht- und Rheumaschmerzen. Kirschen wirken entwässernd.

Rohstoffverarbeitung:

Die Leithaberger Edelkirschen werden in landwirtschaftlichen Betrieben in der Region verwertet. Ein Teil der Ernte wird zu haltbaren Produkten verarbeitet, um das restliche Jahr über Edelkirschen konsumieren zu können.
Als Leitprodukt der Region gilt der 100 %ige Kirschensaft.

Vermarktung:

Die Vermarktung der Kirschen erfolgt sowohl in Form von Direktvermarktung (Ab-Hof, Straßenverkauf) sowie Vermarktung über die Gastronomie und Handel.

Zusammenhang mit dem geographischen Gebiet und Traditionellem Wissen

  • Besonders nährstoffreiche Böden und das durch den Neusiedlersee beeinflusste pannonische Klima im Anbaugebiet bieten beste Vorraussetzung für den Anbau verschiedener Edelkirschensorten.
  • Leithaberger Edelkirschen umfassen verschiedene Sorten und lokale Typen, die sich über Jahrhunderte entwickelt und optimal an die Gegebenheiten der Region angepasst haben.
  • Dank der Kulturart und besonderen geographischen Verhältnisse können Kirschen erzeugt werden, die hinsichtlich Geschmack Besonderes bieten.
  • Der einzigartige Geschmack und das Aroma der Leithaberger Edelkirsche steht in direkter Beziehung zu den zahlreichen Sonnenstunden und das durch den Neusiedlersee beeinflusste feuchte, milde Klima.
  • Die Erzeugung von Leithaberger Edelkirschen ist das Ergebnis des Traditionellen Wissens, das an die in diesem Bereich Tätigen weitergegeben wurde: Traditionelles Wissen und Erfahrung der Obstbauern (Anpassung der Erziehungsform an die Gegebenheiten der Umwelt, Auswahl von Unterlagen, Sorten und Lokalrassen, Verbesserung des Erbguts, Know-how der Baumpflege und des Ernteoptimums) und der Erfahrung der Aufkäufer und Einzelverkäufer in der Vermarktung.

Verwertung:

Die geernteten Kirschen aus der Region Leithaberg werden zu zahlreichen Produkten und Gerichten verarbeitet wie z.B. Kirschschnaps und Kirschenbrand, Kirschenmarmelade, Kirschsorbet, Kirschchutney, Kirschstrudel, Kirschmuffin, Kirschencocktail, Kirschenkuchen, Kirschenpastete, Kirschensuppe, Kirschenauflauf, Kirschenragout, Kirschenpalatschinken, Kirschenknödel, Kirschenkompott, Kirschengelee, Kirschbrandwürste (erzeugt von einer Fleischerei in Purbach) etc.

Ein weiteres Produkt ist „Leithaberger Edelkirsche in edler Schokolade“.

Die Rohstoffverarbeitung erfolgt überwiegend in landwirtschaftlichen Betrieben. Der Aufbau eines gewerblichen Kirschenverarbeiters in der Region ist zurzeit in Planung.

Das Holz der Kirschenbäume eignet sich für die Möbel- und Musikinstrumentenherstellung und aufgrund seiner Härte für die Herstellung von Parkettböden.

Schutz:

Keine Angabe

Schlüsselworte

Lebensmittel und Landwirtschaft, Traditionelles Wissen, Österreich, Region, Burgenland, Nordburgenland Leithaberge, Kirschen, Süßkirschen, Prunus avium, Edelkirschen, Leithaberger Edelkirschen

Bibliographie/ Referenzen

Letzter Zugriff aller Internetreferenzen erfolgte am 22. September 2009.

Sprachcode

Deutsch

Regionaler Ansprechpartner

Rosmarie Strohmayer
Prangerstraße 49
7091 Breitenbrunn
Telefon: +43 664 618 22 96
E-Mail: office@genussquelle.at

Regionalverband Neusiedler See- Leithagebirge
Hauptgasse 38
7083 Purbach
Telefon: 02683/5920
E-Mail: info@purbach.at

Autoren

Mag. Eva Sommer, Dr. Erhard Höbaus

Veröffentlicht am 12.10.2017, Agrarische Wertschöpfungskette und Ernährung (Abteilung II/8)

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