Am Puls des Wassers seit 1894 – 125 Jahre Hydrographischer Dienst in Österreich

Wieviel Wasser rinnt pro Tag die Donau hinunter? Wieviel hat es im vergangenen Jahr in Österreich geregnet? Ist genügend Grundwasser zum Bewässern da? Wie entwickeln sich die Wasserreserven, wenn es immer heißer wird? Antworten auf diese und viele weitere Fragen zum Wasserkreislauf in Österreich gibt seit 125 Jahren der Hydrographische Dienst.

Hydrographische Daten sind das Fundament einer nachhaltigen Wasserwirtschaft

Es ist unumgänglich zu wissen, wieviel Wasser den Menschen wo und wann zur Verfügung steht, um Trinkwasser in ausreichender Menge und Qualität verteilen zu können, die Wasserkraft zu nutzen und Grund- und Oberflächenwasser zur Bewässerung verwenden zu können. Der Schutz des Menschen vor Hochwasser ist ein weiteres großes Thema der Hydrographie.

Um dieses Wissen zu erlangen wurden im 18. Jahrhundert die ersten Pegelbeobachtungen auf österreichischem Staatsgebiet durchgeführt und im Laufe des 19. Jahrhunderts das Messwesen ausgeweitet. Die Ergebnisse waren jedoch nicht ohne weiteres jedermann zugänglich. Der Mangel an systematischen hydrographischen Unterlagen wurde mit der starken Entwicklung der Siedlungsgebiete und der Industrie immer deutlicher und führte schließlich zur Forderung nach Einrichtung von eigenen, staatlichen Dienststellen, denen die Erhebung und die Auswertung gewässerkundlicher Daten aufgetragen wurden.

Eine Zusammenarbeit die sich bewährt hat

Im Jahr 1894 wurde das Organisationsstatut des k.k. hydrographischen Centralbureaus erlassen und die Ausgestaltung und Erweiterung des hydrographischen Messnetzes auf dem österreichischen Gebiet der Monarchie organisiert. Von 18 meteorologischen und hydrographischen Dienststellen, die eine Fläche von ca. 400.000 km² beobachteten, wurden die hydrographischen Daten von 2261 Ombrometerstationen und 872 Gewässerpegeln eingeholt, ausgewertet und im Hydrographischen Jahrbuch veröffentlicht.

Der Hydrographische Dienst besteht seit seiner Gründung aus dem Hydrographischen Zentralbüro – nunmehr Abteilung Wasserhaushalt –, den Hydrographischen Dienststellen in den Ländern und seit 1945 auch der heutigen via donau sowie den privaten Beobachterinnen und Beobachtern vor Ort.

Die im Organisationsstatut enthaltenen Regeln für die Hydrographie waren wegweisend, sowohl hinsichtlich der Aufgabenstellung, als auch bezüglich der Struktur und der Kommunikation zwischen den Organen des Dienstes und anderen hydrographischen Institutionen. Diese wesentlichen Punkte haben sich mit nur geringen Anpassungen vom ursprünglichen Statut über das Hydrographiegesetz bis zur Wasserrechtsgesetznovelle 2003 mit der Wasserkreislaufserhebungsverordnung 2006 erhalten.

Wasser–Wissen schaffen

Heute umfasst das staatliche hydrographische Messnetz ca. 6500 gewässerkundliche Einrichtungen der Sachgebiete Niederschlag, Lufttemperatur, Verdunstung, Oberflächengewässer, Schwebstoffe, Grundwasser, Quellen und Wasser in der ungesättigten oberen Bodenzone. Die Messstellen sind über ganz Österreich – von den ebenen Beckenlandschaften über die Hügel des Alpenvorlands bis zu hochgelegenen Alpenregionen – verteilt. Gewässerkundliche Einrichtungen gibt es in Siedlungen ebenso wie in landwirtschaftlich genutzten Bereichen oder Naturschutzgebieten. Der Weg zu den Messstellen ist oft weit und besonders im Winter mitunter beschwerlich, im Extremfall auch gefährlich. All diese Messstellen möglichst ausfallsfrei zu betreiben, die Daten zu prüfen, bei Bedarf zu korrigieren, allgemein verständlich zu interpretieren und möglichst aktuell allen Interessierten zur Verfügung zu stellen, ist nach wie vor die zentrale Aufgabe des Hydrographischen Dienstes.

Digital – von der Messstelle bis zur Veröffentlichung

Hydrographische Daten sind eine Grundlage für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Daher sind in Österreich das Monitoring und die kostenfreie Bereitstellung der Daten eine Aufgabe der öffentlichen Verwaltung. Um allen Interessierten einen raschen kostenfreien Zugang zu hydrographischen Daten zu ermöglichen, wurde die GIS-basierte Internetplattform eHYD (www.ehyd.gv.at) entwickelt, die 2005 online ging. Das Angebot wurde seitdem ständig erweitert und reicht heute von vieljährigen Zeitreihen unterschiedlicher Parameter des Datenarchives über ungeprüfte, aktuelle Onlinedaten bis hin zu Auswertungen des Gebiets- und Bemessungsniederschlages in Österreich sowie Informationen über in Österreich durchgeführte Markierungsversuche. Die stetig steigenden Zugriffe auf eHYD – 2018 waren es ca. 150.000 Anwendungsaufrufe mit mehr als 2,5 Millionen weiteren Kartenaktivitäten ‑ zeigen die Bedeutung der hydrographischen Daten für die Bevölkerung.

Der Umgang mit Hochwassergefahren – eine Stärke der Hydrographie

Die Hochwasservorhersage ist ein zentraler Bestandteil des Hochwassermanagements. Schon vor mehr als 100 Jahren wurde die Notwendigkeit, einen Hochwassernachrichtendienst zu betreiben, erkannt. Nach den großen Hochwasserereignissen an der Donau zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde in kurzer Zeit ein eigenes elektrisches Wasserstandsfernmeldenetz an der Donau aufgebaut, welches ein besonders beachtetes Ausstellungsobjekt bei der Weltausstellung in Paris 1900 war. Die Anforderung an die hydrologische Vorhersage hat sich in den vergangenen 125 Jahren aufgrund des gestiegenen Schadensrisikos stark verändert. War es anfangs nur der Donauraum, für den ein Hochwassernachrichtendienst als wichtig erachtet wurde, sind gegenwärtig an fast jedem größeren Gewässer in Österreich Prognosemodelle im Einsatz. Die großen Schäden der Hochwasserereignisse 2002, 2005 und 2013 haben deutlich gezeigt, dass für die Prognose wie auch für die Ereignisanalyse ein dichtes hydrographisches Beobachtungsmessnetz unerlässlich ist.

Kontinuität und Wandel

Die vergangenen 125 Jahre brachten vielfältige Veränderungen in gesellschaftlicher und technischer Hinsicht. Der Bogen spannt sich von der Monarchie bis zur Europäischen Union, vom Schreibstreifen zum Datensammler, von der telegraphischen Wasserstandsübertragung zur Übertragung via Satellit. Stets mit den technischen Entwicklungen, naturräumlichen und klimatischen Veränderungen Schritt zu halten, war und ist eine ständige Herausforderung für die Hydrographie.

Nach einem Jahrhundert der vermeintlichen Stationarität der Wasserbilanzkenngrößen zeigt sich dramatisch, dass sich das Klima und die mit diesem in Verbindung stehenden hydrologischen Systeme im Wandel befinden. Die Ansprüche an Wassermenge und Wasserqualität werden steigen, die Verfügbarkeit von ausreichend Wasser jedoch wird sich in Raum und Zeit verändern. Um Veränderungen hydrologischer Parameter erkennen zu können, sind vieljährige, geprüfte Zeitreihen notwendig, die stets zu erweitern und zu pflegen sind.

Die Arbeit des Hydrographischen Dienstes in Österreich genießt beim Fachpublikum ein hohes Ansehen, in die öffentliche und politische Wahrnehmung kommt die Hydrographie allerdings nur bei Hochwasserereignissen. Hydrographische Daten formen und prägen jedoch sämtliche Wassernutzungen unserer Gesellschaft. Um den hohen Standard aufrecht erhalten zu können und zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden, braucht die Hydrographie Österreichs ausreichende Ressourcen. Diese sind einerseits eine leistungsfähige Infrastruktur, aber vor allem engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nur so können Daten von hoher Qualität für eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Wasserwirtschaft zur Verfügung gestellt werden.

Jubiläumsjahr

Anlässlich des 75-jährigen Bestehens 1969 sagte der damalige Leiter des Hydrographischen Diensts Dipl.-Ing. Hans Schimpf über das Feiern von Jubiläen: „Aber ein bewusstes Haltmachen in gewissen Zeitabständen zur Rechenschaftslegung über die vollbrachten Leistungen und zur Besinnung auf den Zweck des Tuns hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung“.

Und so gibt es im Jubiläumsjahr 2019 dem Wesen des Hydrographischen Dienstes entsprechend zahlreiche Aktivitäten in den einzelnen Bundesländern und im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, um Bilanz zu ziehen und die Arbeit des Hydrographischen Dienstes für die breite Öffentlichkeit verständlich und erlebbar zu machen.

 

Die Kundmachung des Organisationsstatutes der Hydrographie Österreichs in der Wiener Zeitung im Dezember 1894. Mit dieser Regelung wurde die Zusammenarbeit der Hydrographischen Landesabteilungen mit dem Hydrographischen Zentralbüro im k.k. Ministerium für Inneres beschlossen und festgelegt. 

In den ersten Jahren umfasste die hydrographisch beobachtete Fläche der Flussgebiete ca. 420.000 km². Davon waren ca. 300.000 km² der österreichische Anteil der Reichshälfte und der Rest hydrographisch ergänzte Flussgebiete.

Bereits wenige Jahre nachdem der Hydrographische Dienst in Österreich seine Arbeit aufgenommen hatte, ereigneten sich in den Jahren 1897 und 1899 zwei Hochwasser mit katastrophalen Auswirkungen im gesamten Donauraum. Um die Maßnahmen, die eine Wiederholung derartiger Schäden verhindern können zu planen, wurde das k.k. hydrographische Zentralbüro beauftragt folgende Frage zu beantworten: „Welches ist jene sekundliche Wassermenge, die abgesehen von Eisstauungen, also bei einem Zusammentreffen ungünstigster Umstände auf Grund der bisher erhobenen Niederschlags- und Abflussverhältnisse im Zuflussgebiet als voraussichtlich größte Abflussmenge in der Donau nächst Wien für ein zu verfassendes Regulierungsprojekt angenommen werden kann?“ Die Antwort wurde unter der Leitung von Dipl. Ing. Ritter von Ernst Lauda in einem Beitrag zur Hydrographie Österreichs „Der Schutz der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien gegen die Hochfluten des Donaustromes“ (IX. Heft) veröffentlicht.

Im Verlauf der 125-jährigen Geschichte war das Hydrographische Zentralbüro neun unterschiedlichen Ressortstrukturen unterstellt und ist seit 2017 als Abteilung I/4 – Wasserhaushalt im Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus organisiert. Die Organe des Hydrographischen Dienstes bestehen noch immer.

Seit Beginn der geordneten hydrographischen Tätigkeit in Österreich war das Jahrbuch die zentrale Form der Veröffentlichung hydrographischer Auswertungen. Das Archiv der Hydrographie umfasst derzeit Jahrbücher von 1893 bis 2016. Aussehen und Umfang haben sich im Laufe der Zeit oftmals geändert. Das Jahrbuch 2012 war mit mehr als einer Million Kennzahlen das umfangreichste und letzte mit gedrucktem Datenteil. Ab dem Jahr 2014 sind alle Auswertungen über das Internet zu beziehen.  

Die Hydrographie Österreichs verwaltet sämtliche hydrographische Daten mit einem einheitlichen Hydrographischen Datenmanagement System (HyDaMS). Dieses System umfasst die Datenerfassung, die Qualitätskontrolle sowie zusätzliche Analysewerkzeuge. Schnittstellen von HyDaMS zu verschiedensten Anwendungen sind einfach zu realisieren und versorgen auch die Internet GIS-Anwendung www.ehyd.gv.at.

Veröffentlicht am 19.03.2019, Wasserhaushalt (Abteilung I/4)